Die Juraprofessorin Gülbay-Peischard entlarvt die deutsche Bildungsmisere und zeigt ihre Folgen: ihr eigenes Buch Akadämlich.
Text von Sascha Blochius
Foto von Saskia Barg
Universität, das bedeutet Tweed-Jacke, Rollkragen, intensive Gespräche über Kunst und Philosophie. So sieht man es aktuell in Serien wie Maxton Hall oder Wednesday und eine Spur davon ist noch zu erahnen, wenn man sich auf dem Weg zum Seminar im UHG verirrt. Dieses Bild erfüllt eine wichtige Funktion im akademischen Betrieb, denn für viele Studierende ist die Vorstellung, dass man gleich in einer gotischen Halle im Kerzenschein alte Bücher liest, die einzige Motivation, im Wintersemester durch die Eiseskälte zur ersten Veranstaltung zu gehen.
Umso erschütternder ist die Debatte, die die Juraprofessorin Zümrüt Gülbay-Peischard mit ihrem Buch Akadämlich in den vergangenen Semesterferien ausgelöst hat. Es ist nämlich nichts weniger als ein Frontalangriff auf das cozy Dark Academia-Bild der Universität. Ihre über 236 Seiten ausgebreitete These ist folgende: Statt von jungen Leuten, die vor allem die Liebe zur Weisheit antreibt, werden deutsche Hochschulen von wohlstandsverwahrlosten, lethargischen Schwachmatenmit fehlender Leistungs- und Leidensbereitschaft bevölkert. Bildung gilt ihnen als Selbstverständlichkeit und nicht als Weg zum gelingenden Leben. So zutreffend das auf den durchschnittlichen Jura-Studierenden auch sein mag, stellt sich beim Lesen eine Frage: Ist diese professorale Unterschätzung der Studierenden nicht auch ein Grund dafür, dass zwischen Gilmore Girls und dem Alltag an deutschen Hochschulen eine Kluft liegt?
Selbsterfüllende Prophezeiung
Man hat häufig den Eindruck, dass die Konzeption von Lehrveranstaltungen mit der These von Gülbay-Peischard anfängt. Der unterstellte fehlende intrinsische Antrieb der Studierenden muss durch einen extrinsischen Antrieb ersetzt werden: die Voraussetzung für die Zulassung zur Modulprüfung. Sie sorgt dafür, dass Veranstaltungen zu ritualisierten Von-Referat-zu-Referat-Seminaren werden. Das oberste Ziel von Lehrpersonen und Teilnehmenden ist es, zu verhindern, dass der Seminarraum zum Schweigekloster wird. Für Erstsemester ist das die Hochschulkultur, in die man geworfen wird. Seminare als Abwehrkampf – das hat wenig von Dead Poets Society.
Gülbay-Peischard interessiert sich dafür allerdings nicht. Ironischerweise nimmt sie gerade diejenigen ins Visier, die ganz im Sinne dieser aktuellen Hochschulkultur studieren. Bildung als Selbstzweck zu begreifen und sich Raum und Zeit für seine Interessen zu nehmen, ist in Zeiten von Studienordnungen, die jedem, der sich einmal zu lang in ein Buch vertieft, mit Gebühren und Exmatrikulation drohen, eher Subversion als Selbstverständlichkeit. Und wie anspruchsvoll Subversion sein kann, lässt sich anhand der Lektüre von Akadämlich wunderbar nachvollziehen.
Auch Professoren schreiben schlechte Texte
Beim Versuch nämlich, der Hochschullandschaft mit einer revolutionären Abhandlung den Spiegel vorzuhalten, legt Gülbay-Peischard ein Rage-Bait-Buch vor, das sich an Oberflächlichkeit und Ignoranz nicht vor den Leistungen der deutschen Studierenden verstecken muss. Sie stimmt auf rein anekdotische Weise in den Die-Jugend-von-heute-Chor ein und bleibt bei Beobachtungen stehen, die in jedem Mensagespräch ausgetauscht werden. Nach Ursachenforschung, die über das Reflexionsniveau von “Die sind halt irgendwie bescheuert!” hinausgeht, sucht man vergeblich.
Unoriginell ist dementsprechend auch ihr Lösungsvorschlag. Sie plädiert dafür, das Studium nicht anders zu behandeln als jedes andere Beschäftigungsverhältnis. Und wie wir wissen, wird das Fließband auch nicht durch die freie Entfaltung der Arbeiter angetrieben. Weniger Turmzimmer, mehr Montagehalle – am besten Präsenzpflicht mit Stechuhr. So weit, so abgedroschen.
Es bleibt nur zu hoffen, dass Jena in Zukunft eine kleine Ausnahme inmitten der Bildungsfabriken Gülbay-Peischards wird. Mit dem Titel „Exzellenzuniversität“ wäre zumindest semantisch die Voraussetzung für einen Hauch von Oxford an der FSU gegeben. Vielleicht ist es an der Zeit, wieder Ledertasche und Tintenfass rauszuholen – passend zur Harry-Potter-Season.
Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 452, November 2025

