Links sein – das bedeutet Adidas-Jogginghose, Mullet und Doc Martens. Woher kommen diese Trends und was verstecken sie?
Text von Vivien Brenk und Oleksandra Samokhina
Foto von Dario Holz
So wird man cool genug für die Revolution: Das absolute Minimum sind zwei Piercings (aber NICHT beide an den Ohren). Mindestens drei kleine oder ein großes Tattoo, am besten besoffen auf der letzten WG-Party gestochen. Bei Kleidung sind zwei Regeln essentiell: Es muss unbedingt sichtbar sein, dass es Secondhand-Kleidung ist. Also bloß nichts von Zara im Secondhand-Laden kaufen. Die erworbenen Stücke müssen so kombiniert werden, dass das Gesamtbild niemals harmonisch wirkt. Um dieses Ergebnis zu erzielen, taugen grelle Trainingsjacken oder 90er-Jahre-Pullis, von deren Muster einem schwindlig wird. Oversized Shirt über Leoprint geht immer. Und natürlich Jogginghose und Sambas! Falls ihr einen Hauch von Individualität vortäuschen wollt, vielleicht nicht ganz in schwarz. Silberringe an die Finger, Schal um den Kopf, Sonnenbrille auf, Schlüssel an den Karabiner und der Tag kann starten!
Die Gesamtinszenierung darf auf keinen Fall gewollt aussehen. Aber gleichzeitig muss auch erkennbar sein, dass du weißt, was du da tust. Dein Outfit muss für alle außerhalb der Bubble irgendwie scheiße aussehen. Aber scheiße auf intellektuell durchkomponierte Weise. Wer zu gepflegt wirkt, hat das Game nicht verstanden. Wer wirklich arm ist auch nicht. So links wir auch sein mögen, der Kapitalismus hat uns: Eigentum verleiht uns Identität.
“Das Tragen von Adidas-Jogginghosen kann auch gegenkulturell motiviert sein.”
Dr. Julia Burde
Dass soziale Gruppen Kleidungscodes benutzen, um Zugehörigkeiten oder sogar kollektive Werte auszudrücken, ist kein Geheimnis. Linker Kleidungsstil entspringt dem Wunsch nach Überwindung von Normativität. Er ist ein Zeichen an die Gesellschaft: Normschönheit ist überholt. Und für einen selbst: der alltagsrevolutionäre Akt, sich keinen Schönheitsidealen mehr anzupassen
Dr. Julia Burde, Leiterin des Bereichs Kulturgeschichte der Kleidung an der Universität der Künste in Berlin, sagt dazu: „Beispielsweise das Tragen von Adidas-Jogginghosen kann auch gegenkulturell motiviert sein.” Gegenkulturen würden die Möglichkeit bieten, gegenüber gesellschaftlichen Strukturen neue Ausdrucksweisen zu entwickeln. „Dazu wird bewusst Kleidung außerhalb gängiger Modenormen gesucht: Arbeitskleidung, veraltete Militäruniformen, Flohmarktstile oder außereuropäische Formen.” Beispiele für solche Gegenkulturen seien die Hippie-Bewegung, Punk-Stil oder Normcore.
Studis im Malocherlook
Aber warum wählen wir ausgerechnet Microponys und Plastikjacken für unsere ästhetische Rebellion? Wieso tragen wir keinen schwarzen Eyeliner und Lederhosen? Betrachten wir die Ursprünge einiger Klassiker. Es ist schwer, in Jenas linker Szene einen Männerkopf zu finden, aus dem noch kein Mullet sprießt. Burde erläutert: „Der Vokuhila ist in den 1970er Jahren als Hybrid aus ‘männlicher’ Kurzhaarfrisur und gegenkulturell langem Haar entstanden.” Der Vokuhila sei damals im Handwerk auch aus pragmatischen Gründen beliebt gewesen: Vorne konnten die Haare nicht in Maschinen geraten und hinten war der Nacken vor Sonnenbrand geschützt. Außerdem sind Doc Martens ursprünglich als Sicherheitsstiefel für Arbeiter:innen konzipiert worden, bevor sie auf Umwegen zuletzt bei den Soziologiestudierenden landeten.
Dieses Muster lässt sich auch an dem verfolgen, was kaum getragen wird: Wie oft seht ihr typisch links gestylte Studis mit Goldschmuck? Oder in völlig weißer Kleidung? Burde sagt: „Gold galt im bürgerlich-protestantischen Milieu des 19. Jhd. als Ausdruck des verpönten höfisch-aristokratischen Prunks. Es galt als unmodern und ›weiblich‹, ein Zeichen der Abhängigkeit von Institutionen und Dienstherren.” Weiße Hemden seien insbesondere von White Collars getragen worden, also bürgerlichen Männern, die traditionell an Schreibtischen sitzen und nicht körperlich arbeiten. Weiß als Zeichen der Reinheit. „Dagegen stehen dunkle Farben in einer älteren Bedeutung für Disziplin, Vernunft, Luxusverzicht, Männlichkeit, Intellektualität.”
Auch die Kopftücher kennen wir von unseren landwirtschaftlich tätigen Großmüttern, als Schutz vor Sonne und Dreck. In einen ähnlichen Kontext kann man die Tendenz zu kurzen Fingernägeln setzen. Studis mit Gelnägeln sind selten zu finden. Man bekommt den ironischen Eindruck, dass nach dem Seminar direkt stundenlang auf dem Feld geschuftet werden muss. Nimmt man all diese Aspekte zusammen, kann mit wenig Fantasie eine proletarische Selbstinszenierung diagnostiziert werden, die versteckt, was wir sind: eine Bildungselite.
Armut tragen, Privileg behalten
Ein weiteres Phänomen linker Studi-Mode ist, dass sich Elemente angeeignet werden, die früher als unpassend galten. Wer im Trainingsanzug, mit Bauchtasche oder Leoprint in der Schule erschienen ist, wurde wohl eher dem sozialen Brennpunktmilieu zugeordnet. Während weiße, bürgerliche Personen mit ähnlichen Styles als cool gelten und keine negativen Konsequenzen zu befürchten haben, werden rassifizierte Menschen häufig als kriminell oder arm wahrgenommen. Moritz Ege, Professor für Populäre Kulturen und Empirische Kulturwissenschaft mit dem Fokus auf Alltagskulturen an der Universität Zürich sagt: „Manchmal entsteht eine Spannung zwischen einer vermeintlich «unreflektierten» Art und Weise, Kleidungsstücke zu tragen, einerseits, und einer «ironischen», avancierten Art und Weise andererseits. Diese Grenze verläuft nicht selten homolog zu Grenzen zwischen sozialen Milieus. Die spielerisch-symbolische Annäherung an das soziale Unten, an die Nicht-Respektabilität, ans «Sich-Gehen-Lassen» machen diese Kleidungspraxis mit aus.”
Welche Gründe gibt es für diese Dynamiken? Neben einer recht trivialen materiellen Grundlage (Studis haben wenig Geld), bleibe eine weitere Komponente trotzdem wichtig: „subkultureller Stil als symbolisch-imaginäre Lösung realer sozialstruktureller Widersprüche”.Sich als Linke über Kleidung ans Proletarische anzunähern, kann also auch als Versuch aufgefasst werden, die reale Distanz zum sozialen Unten zu überbrücken. Außerdem gebe es in westlichen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten so etwas wie ein symbolisches Kapital der Marginalität und Informalität. Man wolle sich vom eigenen Milieu abgrenzen. „Es hat mit Gerechtigkeitsideen und Gleichheitsidealen zu tun, aber vor allem auch mit Gender, Sexualität, Attraktivität und Coolness.”
Es scheint uns, als sollte sich bei diesem Spiel mit der ironischen Geschmacklosigkeit allerdings bewusst gemacht werden, dass ein bedeutender Unterschied darin besteht, ob ich diese Verkleidung ablegen kann oder nicht. Ist es Teil meines Selbstausdrucks, von dem ich in einen seriös anerkannten Modus wechseln kann? Oder bin ich darin gefangen? Ege sagt dazu: „Wenn die eigenen Eltern wirklich arm sind, kann es extrem verletzend und bedrohlich sein, von anderen selbst für arm und «nicht-respektabel» gehalten zu werden, während Leute aus wohlhabenderen Verhältnissen, die sich ähnlich kleiden, eine solche Zuschreibung vielleicht sogar als kleinen Triumph erleben würden.”
Adidas ist kein Argument
„Du hast gar keine Tattoos oder Piercings. Sicher, dass du links bist?“ Wenn wir ästhetisch auswählen, wer in unsere Bubble passt und wer nicht, bauen wir Barrieren auf sandigem Grund. Was, wenn sich jemand kleidet, wie ein Spowi, aber unsere Werte teilt? Wir verpassen die Chance, Menschen von unseren Anliegen zu überzeugen, die nicht ohnehin bereits dazugehören. Das richtige Outfit sollte nicht wichtiger werden als der Diskurs. Wir widersprechen uns selbst. Denn eigentlich steht die linke Szene genau dafür: Solidarität, die nicht an oberflächliche Merkmale gebunden ist.
Das grundlegende Problem sind dennoch die sozialen Ungleichheiten an sich. Modetrends reagieren nur auf sie. Auch Prof. Ege sagt: „Distinktion wird immer stattfinden. Wie das einzuschätzen ist, kommt aus meiner Sicht nicht auf die ästhetische Praxis allein an, sondern vor allem darauf, welche Prozesse des «Werdens» in solchen Szenen tatsächlich in Gang kommen, wie die ungleichen Bedingungen jeweils ausagiert und reflektiert werden und inwiefern die symbolische Geste sich vielleicht auch mit anderen Formen des Politischen verbindet.”
Ja, analytisch sind wir nach Marx alle Arbeiter:innen. Dennoch herrscht keine Chancengleichheit. Zum Beispiel in Bezug auf Bildung. Kapitalismus basiert auf der Ausbeutung von schlechter gestellten Menschen. Dagegen anzukämpfen heißt im ersten Schritt, Unterschiede sichtbar zu machen. Privilegien (unbewusst) zu vertuschen, weil es vom sozialen Umfeld anerkannt wird, widerstrebt im Grunde dem Projekt einer Umgestaltung der Gesellschaft nach linken Werten. Wenn jemand die Verantwortung hat, damit reflektiert umzugehen, dann wir.
Also: Lassen wir nicht zu, dass unsere Outfits radikaler werden, als unser Denken. Oder mit Prof. Eges Worten: Keine Jogginghose ist auch keine Lösung.