Stephan Lubitz ist glücklich verheirateter Familienvater und lebt in Hamburg. Der 56- jährige evangelische Christ engagiert sich seit über 25 Jahren im ökumenischen Arbeitskreis BDSM-und-Christsein. Ein Gespräch über BDSM, Glauben, Polyamorie, traditionelle Rollenverständnisse und Erfolge des Arbeitskreises.
Interview von Philipp Schön
Foto vom Arbeitskreis BDSM-und-Christsein
Zeichnung von Rosa Wentsch
Verbietet die Bibel BDSM?
Ich kenne keine Bibelstelle, die BDSM einschränkt oder verbietet. Bei der Interpretation der Bibel ist wichtig zu wissen, dass sie im Patriarchat geschrieben wurde. Das Konzept BDSM gab es noch nicht. Die Menschen hatten damals keine Alternative zum klassischen Rollenbild. Die Bibel ist sexfreundlicher und feministischer als viele meinen, z. B. bei Paulus 1. Korinther 7. So wird Sexualität als etwas angesehen, das dem Menschen dient und nicht ausschließlich der Fortpflanzung.
Macht das Christentum Vorgaben bezüglich des Sexualverhaltens?
Im Christentum ist die Ehe ganz wichtig und dass Sexualität grundsätzlich in die Ehe gehört. Aber was die Ehe ist, was dazugehört und was nicht, das kann sehr kontrovers in der Ausführung sein. Beim BDSM ist die Frage, ob es überhaupt zur Sexualität gehört oder zur allgemeinen Erotik.
Worauf sollte beim BDSM besonders geachtet werden?
Auf den Konsens. Es ist wichtig, mit den Spielpartner:innen die Risiken genau abzusprechen und sich darüber zu einigen. Z. B. sollte man sich beim Schlagen vorher unbedingt informieren, wo man hinschlagen darf und wo nicht.
Unterscheidet sich BDSM bei Christen und Nicht-Christen?
Nach meiner Beobachtung unterscheidet sich das nicht. Die Verteilung ethischer Ansprüche und unterschiedlichen Vorstellungen ist bei Christen und Nicht-Christen ziemlich gleich. Bei manchen Menschen wirkt sich der Glaube stark auf BDSM aus, bei anderen fast gar nicht. Einige Christen verzichten auf bestimmte Praktiken, während andere sich durch die Religion frei fühlen, ihre Interessen selbstverantwortlich ausleben zu können.
Wie kam es dazu, den Arbeitskreis BDSM-und-Christsein zu gründen?
Die Idee entstand aus der Zeitungsanzeige einer Christin, die auch BDSM praktiziert und sich darüber mit anderen austauschen wollte. Es ist aber kein reiner Gesprächskreis, auch Bibelarbeiten gehörten von Anfang an dazu, wie z. B. Gottesdienst oder Andachten.
Ich bin seit der Gründungsphase dabei und kannte die Person aus der Zeitungsanzeige schon vorher. Aus eigener Neigung war ich bereits in der BDSM-Szene aktiv und auch kirchlich engagiert.

Welche Begegnungen im Arbeitskreis haben dir besonders Freude gemacht?
Da gibt es ganz viele gute Gespräche. Wenn man wirklich intensive, persönliche Gespräche sowohl über BDSM als auch über den Glauben mit anderen Menschen führen kann, ist das für mich immer eine ganz besondere Freude.
Ihr wart mit einem Stand auf dem Kirchentag in Hannover. Auf welches Thema sprechen euch die Menschen dort am häufigsten an?
Eine sehr häufige Frage war: Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Die Antwort ist, dass wir sowohl BDSMler als auch Christen sind und deswegen über beides sprechen wollen. Viele Personen mit eigenen BDSM-Neigungen freuen sich, Menschen zu finden, die offen zu dem Thema stehen und sich gerne darüber austauschen. Teilweise gibt es auch kritische Fragen: Muss man für das Thema Werbung machen? Aber die positiven Reaktionen überwiegen deutlich.
In welchem Verhältnis stehen BDSM und Christsein?
Für mich ist Christsein relativ philosophisch und sehr mystisch. Das hat mit philosophischen Fragestellungen zu tun, die ich mir mit christlicher Theologie selber beantwortet habe. Z. B. die Frage, was nach dem Tod passiert. Das Christentum liefert Antworten auf Fragen, die sich nicht mit klassischer, wissenschaftlicher Wahrheitsfindung beantworten lassen. Für mich gibt es zum BDSM kein direktes Verhältnis im Sinne eines Zusammenhangs. Aber es gibt viele Parallelen, beispielsweise das Thema Macht. Da inspirieren sich die beiden Welten gegenseitig, auch wenn es keinen spezifisch christlichen BDSM gibt. Das Christentum hat eine besondere Art, Machtverhältnisse aufzubrechen. Allein schon durch den Kreuztod Jesu: Die mächtigste Person stirbt einen Sklaventod. Es gibt im Arbeitskreis auch Personen, die keine Verbindung zwischen BDSM und dem Christsein sehen. Sie schätzen aber die Gemeinschaft, in der man über beides sprechen kann.
Was war dein schönstes und negativstes Erlebnis beim BDSM?
Mein schönstes Erlebnis war in der Kommunikation zu bemerken, dass insbesondere auch Frauen ganz offen über ihre Wünsche und Neigungen in Bezug auf Erotik und Sexualität sprechen. Das kannte ich vorher nicht. Das negativste Erlebnis war die Feststellung, dass einzelne Menschen im Kontext von BDSM ihre bürgerliche Sexualmoral gerade um ihren eigenen Fetisch erweitern, aber dann auf die Wünsche und Neigung anderer teilweise sehr negativ reagieren.
Du lebst in einer offenen Beziehung. Was ist in einer offenen Beziehung besonders wichtig?
Wichtig ist, dass sie auch in dem Sinn offen ist, dass man offen über die Dinge redet – also, dass man keine Heimlichkeiten voreinander hat. Alle Paare, die ich kenne, haben trotz aller Offenheit gemeinsam einen intimen Bereich definiert. Etwas Exklusives, was nur mit Partner/Partnerin geteilt wird (z. B. eine bestimmte sexuelle Praktik oder Stellung). Das scheint mir ein wichtiges Erfolgsrezept zu sein.
Polyamorie und Christsein ist kein Widerspruch. Es darf im einvernehmlichen Kontext auch mehr als eine Person geben. Auch in der Bibel gibt es Männer, die mehrere Frauen haben (z. B. Abraham und Jakob). Es gibt sogar einen Verein, der sich mit diesem Thema beschäftigt: Das Netzwerk polyamore Menschen und Kirche (NepoMuK).
Haben BDSMler ein weniger traditionelles Rollenverständnis?
Für mich ist BDSM ein radikaler Ausstieg aus den traditionellen Rollen- und Geschlechterverhältnissen. Die handelnden Personen können sich ihre Rolle wirklich aussuchen, beispielsweise dominant oder unterwürfig. Es gibt Menschen, die meinen, ihr klassisches Rollenverhältnis mit BDSM retten zu können. Also den Mann nur in der dominanten Rolle sehen und die Frau nur in der unterwürfigen Rolle. Ich würde bei so etwas nie von BDSM sprechen, wenn ein vorgegebenes Rollenbild reproduziert wird. Beim BDSM kann mit einem safe-word das Machtverhältnis jederzeit und sofort beendet werden. Dann findet wieder ein Gespräch auf Augenhöhe statt, was beim traditionellen Rollenbild anders ist.
Engagiert sich der Arbeitskreis auch politisch?
Da der Arbeitskreis auf Veranstaltungen wie Kirchentagen oder Katholikentagen vertreten ist, hat er eine politische Wirkung. Ich möchte zwei Erfolge nennen: Zum einen das 2015 veröffentlichte Buch „Unverschämt – schön: Sexualethik: evangelisch und lebensnah“. Dieses enthält ein Kapitel zum BDSM und unser Arbeitskreis wird darin auch erwähnt.
Der zweite Erfolg ist der Kirchentag dieses Jahr in Hannover. Einige konservative Medien haben das Thema BDSM beim Kirchentag kritisch gesehen. Das hat dann zu sehr vielen positiven Reaktionen und Statements geführt. Die Kirchentagszeitung hat getitelt „BDSM und Bondage – auch das gehört zur Kirche“. Viele Menschen haben uns gesagt, wie wichtig es ist, dass wir auf dem Kirchentag vertreten sind. Das ist ein kirchenpolitischer Erfolg, den wir durch 20 Jahre Präsenz auf den Kirchentagen erzielt haben.

