Vom Tauschen und Handeln

Studenten engagieren sich für Asylbewerber

Von Johanne Bischoff



Foto: Katharina Schmidt

Ein kleiner Wels schwimmt aufgeregt in seinem Glas auf dem Wohnzimmertisch auf und ab. Rund um sein Heim stehen Schalen und Teller voller Süßigkeiten: Baklava, gesalzene Nüsse und Pistazien aus dem Iran, Pralinen aus dem Supermarkt in der Stadt. Amin* und seine Frau Azadeh kochen Schwarztee für ihre Gäste. Im Hintergrund läuft ein Lied von Pink, Azadehs Lieblingsmusikerin.
Auf der großen Couch in dieser viel zu kleinen Wohnküche sitzen acht Studenten aus Jena. Sie kommen einmal im Monat zum Asylbewerberheim am Rande einer Stadt in Thüringen, um Bargeld gegen Gutscheine zu tauschen.
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Interview mit Rektor Klaus Dicke

Was bedeutet das Ausscheiden aus der Exzellenzinitiative für die Uni?
Das bedeutet zunächst, dass wir mit drei Großprojekten keinen Erfolg gehabt haben und nun schauen müssen, wie wir möglicherweise andere Finanzierungen erschließen. Der zweite Punkt ist sicherlich, und da sind wir in guter Gesellschaft, dass das Ergebnis natürlich auch ein Imageverlust ist. Aber das strategische Konzept der Universität, das “Zukunftskonzept“, ist sehr gut beurteilt worden.

Warum wurde es dann nicht angenommen?
Die Voraussetzung, um bei den Zukunftskonzepten zu einem Vollantrag aufgefordert zu werden, ist, dass man eine Graduiertenschule und ein Cluster hat. Wir haben eine Graduiertenschule, die JSMC, aber wir haben kein Cluster. Wir sind, das war ein gewisses Risiko, mit nur einem Clusterantrag angetreten. Gleichwohl ist unser Zukunftskonzept in die Endberatung hineingenommen worden. Das ist ein Zeichen dafür, dass es gut beurteilt wurde.

Das Zukunftskonzept baut auf dem neu entwickelten Slogan „Light – Life – Liberty“ auf. Bisher hatte die Universität aber noch deutlich mehr Forschungsschwerpunkte. Ändert sich das jetzt immer wieder oder steht das jetzt fest?
Ja und nein. Die Formel „Light, Life, Liberty“ ist eine Formel, die versucht, die Schwerpunktbereiche der Universität nach außen hin sichtbar zu transportieren, aber auch innerhalb dieser Schwerpunkte Dinge zusammenzufügen und vor allem: Neues anzuregen.. „Light“ ist nicht nur Laser oder Optik oder Photonik, sondern „Light“ ist auch Enlightenment, Aufklärung. Die Schwerpunkte, die wir hatten, sind in den zentralen Bereichen mittlerweile so miteinander verschränkt, dass man sie jetzt weiter verdichten kann. Aber von entscheidender Bedeutung ist: Man muss ja auch sehen, dass von unten neue Forschungsideen und -linien nachwachsen. Das kann man nur anregen, nicht steuern.

Aber wird durch die Schwerpunktsetzung nicht gerade behindert, dass neue Themen interessant werden?
Ich möchte vorausschicken, dass die Schwerpunkte in der Forschung nicht gesetzt worden sind. Ganz im Gegenteil, die Schwerpunktbildung hat die vorhandenen Forschungspotenziale aufgegriffen und diese mit einem neuen organisatorischen Entwicklungsrahmen versehen. In diesem Rahmen haben sich sehr schnell neue Themen entwickeln können. Wo entscheidet sich die Frage? Sie entscheidet sich da, wo z. B. auch Nachwuchswissenschaftler an Themen arbeiten und neue Themen finden müssen. Da kann plötzlich eine völlig neue Idee hochkommen. Die muss sich nicht unbedingt an einen solchen Schwerpunktbereich angliedern, aber sie sollte langfristig integrierbar sein. Wir haben keinen Einfluss darauf, was dabei herauskommt, aber nur dadurch, dass man Leute mit Mut zusammenbringt, entstehen neue Fragen.

Aber es ist doch nicht mehr Geld da. Sie verteilen das vorhandene Geld neu, indem Sie Schwerpunkte setzen. Damit nehmen Sie auch Geld von Bereichen weg, in denen dann keine „neuen Fragestellungen“ entstehen können.
So einfach ist das Spiel nicht. In dem Augenblick, in dem neue Fragestellungen entstehen, ist in der Regel auch Antragsfähigkeit gegeben, z. B. für Drittmittelanträge bei der DFG. Es ist aber auch nicht so, dass wir das Geld schon fast ausgegeben hätten. Das ist keineswegs so. Es hätte uns die eine oder andere Antragsstellung erspart, wenn man eine Schule und ein Cluster gefördert bekommen hätte, und jetzt müssen wir das auf anderem Wege finanzieren. Nach der letzten Exzellenzinitiative hat das Land das Pro-Exzellenzprogramm aufgelegt und dort auch die Projekte gefördert, für die wir zum Vollantrag aufgefordert waren.

Macht das Land das jetzt wieder?
Ich hoffe ja; darüber werden wir reden müssen.
Aber Thüringen hat ja auch nicht viel Geld. Ist es bei der Exzellenzinitiative denn nicht auch so, dass gerade Universitäten gefördert werden, die jetzt schon Mittel haben? Nach dem Prinzip: „Wer hat, dem wird gegeben“?
Ja, das ist richtig. Und daraus wird ein Problem resultieren. Natürlich ist z.B. die TU München potenter als wir. Und man muss sich genau überlegen, wo wir in Konkurrenz zu den Spitzenuniversitäten treten. Wir haben im Vorfeld der Exzellenzinitiative immerhin bei einem unserer Spitzenleute einen Ruf an die ETH Zürich abgewehrt. Das ist keine einfache und preiswerte Operation, das kann man nicht sehr oft machen. Aber dort, wo wirklich massive Verstärkungen und Potenzial in Jena gehalten werden oder nach Jena geholt werden können, da müssen wir etwas tun. Dafür ist die Ausgangslage durch dieses Scheitern nicht besser geworden. Man darf aber auch nicht vergessen, dass wir z.B. im Bereich der osteuropäischen Geschichte ein Großprojekt an Land gezogen haben und in der Sepsisforschung und der Materialwissenschaft Verbünde aufgebaut haben, die Clustergröße haben. Was fehlt, ist das Image, die Krönung also. Und das Bundesligadenken ist ja in Deutschland sehr verbreitet.

Warum beteiligt sich die Uni denn an diesem Bundesligadenken? Muss sie an der Exzellenzinitiative teilnehmen oder könnte sie auch aussteigen?
Nein, das kann man nicht. Ein bisschen sind wir das auch der Universität schuldig und ich bin ehrlich heilfroh, dass wir es gemacht haben. Aber wir müssen in den nächsten Wochen auch selbstkritisch fragen, wo die Probleme und Defizite sind und was wir tun können, um sie abzustellen. Im Gutachten ist die regionale Verankerung der Universität als „sehr gut ausgewiesen“ hervorgehoben worden, was dahingegen abfällt, ist das internationale Pendant und da müssen wir ran. Wir müssen eine Strategie entwickeln, welche die Frage beantwortet: „Wo wollen wir 2020 stehen?“.

Die heutigen Studenten werden 2020 nicht mehr in Jena sein. Was bringt es denn den Studenten, wenn man sich da bewirbt?
Zum einen sind wir eine Universität und das bedeutet immer, dass Lehre aus Forschung erfolgt. Wenn die Forschung spitze ist, fällt auch für die Lehre Spitzengewinn ab. Zum anderen spielt in den Zukunftskonzepten gerade auch die forschungsorientierte Lehre eine große Rolle. Wenn Sie Biologe werden wollen, dann werden Sie Biologie dort studieren, wo exzellente Forschung in der Biologie stattfindet, weil Sie die begründete Vermutung haben, dass dann in der Lehre auch etwas von dieser Exzellenz ankommt. Das ist das ganze Geheimnis.

Die meisten Studenten studieren doch in ihrer Heimatregion. Sie gehen davon aus, dass Studenten bundesweit mobil sind und sich danach ihren Studienplatz aussuchen.
Das ist richtig. Dass das in der Vergangenheit weitgehend nicht der Fall war, wissen wir, aber dass das zunehmend der Fall ist, wissen wir auch. Der Anteil der Studierenden aus Westdeutschland sowie auch international ist stetig ansteigend.

Woran sind die Bewerbungen Jenas gescheitert?
Sie sind eben nicht durchgekommen. Es gab 227 Anträge und davon ist nur ein geringer Prozentsatz durchgekommen. Wir haben die Gutachten, haben mit den Sprechern der Antragsgruppen gesprochen und die Gutachten werden kritisch ausgewertet.

Aber womit wurde das Ausscheiden begründet?
Es werden auf einer Seite Stärken und Schwächen ausgewertet. Bei einigen kann man sagen, dass der Antrag mit derselben Begründung auch hätte durchkommen können. Es muss also eine ganze Reihe sehr guter oder exzellenter Anträge dagewesen sein.

Und welche Schwächen wurden benannt?
Eine Schwäche ist sicherlich der internationale Outreach. Über andere Dinge kann man sicherlich diskutieren, das will ich aber nicht öffentlich ausbreiten.

Welche Stärken wurden herausgestrichen?
Sehr gut ist die regionale Einbindung weggekommen. Das umfasst die Einbindung von außeruniversitären Instituten, aber auch der Wirtschaft und Dienstleistern in der Region. Und die Forschungsdynamik wurde deutlich hervorgehoben, also die Entwicklung seit der ersten Runde der Exzellenzinitiative.

Haben Sie im Senat über den Fortgang der Uni gesprochen?
Ich habe im Senat elf strategische Punkte angesprochen, bei denen wir uns überlegen müssen, wie wir mit ihnen das Jahr 2020 erreichen wollen. Aber ich habe das als Aufschlag gemeint und lege großen Wert darauf, dass zu diesen strategischen Punkten eine breite Diskussion in der Universität stattfindet, auch unter Einbeziehung der Studierenden. Einer der Unterpunkte war zum Beispiel, dass man über eine Charta der Rechte und Pflichten der Studierenden spricht. Diese Überlegungen sollen bis zum Ende des Wintersemesters abgeschlossen werden, dann müssen wir in die Umsetzung gehen.

Betrifft dies auch die Schwerpunktbereiche, die nun nicht durch die Exzellenzinitiative gefördert werden?
Das ist unabhängig davon. Wir werden sehen, ob wir daraus z.B. DFG-Anträge oder BMBF- oder europäische Förderanträge machen. Die Überlegungen dazu haben unmittelbar nach der Bekanntgabe der Ergebnisse begonnen. Es ist also nicht so, dass es da erst großes Wundenlecken und dann Erstarrung gab.

Haben Sie nun schon eine Rückmeldung vom Kultusministerium über eine finanzielle Weiterförderung durch das Pro-Exzellenzprogramm?
Es gibt durchaus positive Äußerungen, dass die Pro-Exzellenzinitiative – in welcher Form auch immer – weitergehen soll. Aber die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen.

Wie teuer war die Bewerbung?
Das ist schwer zu sagen. Aber was da an Arbeit investiert wurde, ist alles andere als verloren. Die Anträge stehen. Es kann ja durchaus sein, dass aus dem einen oder anderen ein größerer Projektkontext erwächst, der dann urplötzlich an anderer Stelle in ein Programm passt und mindestens so viel einspielt wie ein Cluster. Wir haben zwei sogenannte Zentren für Innovationskompetenz, die Clustergröße haben. Das Imre Kertész Kolleg beispielsweise ist vom Fördervolumen größer als eine Graduiertenschule.

Man benutzt das also als Grundlage für weitere Bewerbungen.
Ja, unter anderen Konstellationen. An dem Clusterantrag haben wir mit bis zu 50 Leuten gearbeitet, inklusive Halle und Weimar. Die Kooperation mit beiden wird auf jeden Fall fortgesetzt. Die konkrete Kooperation mit Halle ist übrigens auch gelobt worden.

Haben Sie sich auch für den Qualitätspakt Lehre beworben?
Ja, natürlich. Es ist ein Programm, bei dem es zusätzliche Gelder für Lehre gibt.

Wenn die Decke knapp wird

Studenten wurden zur Bibliothek befragt

Von Anna-Sophie Heinze und Susanne Veil




Zum Kaffeetrinken unter Palmen bietet sich die Thulb an. Zum lernen ist es dafür nicht immer so paradiesisch.

Foto: Katharina Schmidt

„Das ist wie bei einer Decke, wissen Sie.“ Zieht man an einem Ende der Decke, mit der man sich zuzudecken gedenkt, fehlt es an deren anderem Ende, so Thulb-Direktorin Sabine Wefers. Fachreferatsleiterin Kerstin Helmkamp beklagte ihrerseits, ein Fuß liege bereits frei. Die beiden Damen sprechen von der Situation der Universitätsbibliothek und vielleicht hat der ein oder andere Student auch schon einige Löcher und ein ihnen geschuldetes Frösteln am eigenen Leib bemerkt. Ein solches Frösteln kann den prüfungsgeplagten Studenten zum Beispiel befallen, wenn dieser auf der vergeblichen Suche nach einem Arbeitsplatz durch die Bibliothek tigert oder mit rauchendem Kopf dort verdurstet. Um solche Löcher aufzuspüren und diese im besten Fall auch zu flicken, führte der Stura im vergangenen Jahr eine ausführliche Umfrage zur Bibliothekssituation durch. Deren Auswertung zeigt nun, dass die Forderungen der Studenten an ihre Bibliothek mit deren Kapazitäten unvereinbar sind. Das allein ist keine Überraschung. Raum für Verbesserungen besteht immer, darin sind sich alle Beteiligten einig. Dennoch gehen die Interpretationen der Ergebnisse weit auseinander.
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Im Visier der Volkszähler

Studenten beim Zensus 2011 besonders gefragt

Von Jan-Henrik Wiebe




Bei einer Volkszählung ist es den Befragten nicht gestattet, die Aussage zu verweigern.

Foto: Katharina Schmidt

Inzwischen ist es 24 Jahre her, seitdem der Staat zum letzten Mal in großem Umfang eine Volkszählung durchgeführt hat. Nun ist es wieder soweit. Nur heißt die Volksbefragung jetzt Zensus, da dem Wort Volksbefragung immer noch eine Note von Schnüffelstaat anhängt. In den 80er Jahren gab es große Proteste dagegen.
Begründet wird die Umfrage mit der Umsetzung der EG-Verordnung 763/2008, die einen europaweiten einheitlichen Zensus alle 10 Jahre vorschreibt und mit der Planung von Infrastruktur.
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Kino über der Stadt

Im Gespräch mit den Veranstaltern des Jenaer Kurzfilmfestivals

Das Gespräch führte Franziska Puhlmann



Foto: Franziska Puhlmann

Ellen Thießen und Antonia Deckert sind Studentinnen der Medienwissenschaft an der FSU. Auf das Kurzfilmfestival und den dahinterstehenden Verein cellu l‘art-Festival Jena e.V. sind sie als Gäste und über Freunde aufmerksam geworden. Inzwischen engagieren sich dort ehrenamtlich, Ellen als Vorstandsvorsitzende und Antonia im Bereich Presse. Akrützel sprach mit ihnen über den Verein und das bevorstehende 12. Kurzfilmfestival Jena vom 12.-17. April 2011.

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Keine Bastion des Widerstands

Der Historiker Norbert Frei im Gespräch

Das Gespräch führte Laura Wesseler




Foto: privat

Professor Norbert Frei ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der FSU Jena und Mitverfasser des Buches „Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“ (Blessing Verlag 2010). Mit Akrützel sprach er über die Beteiligung des Auswärtigen Amtes an der Politik des NS-Regimes, Verklärungen in Nachkriegsdeutschland und die zuletzt geäußerte Kritik an dem Buch der Unabhängigen Historikerkommission.
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