Freiwillig isoliert

Alleine reisen in Island

von Niclas Seydack

Er stellt sich neben mich an die Absperrung vor dem stolzen Gullfoss-Wasserfall, Haukadalur Tal, Island. Seine rechte Augenbraue ist gepierct, er trägt eine signalblaue Jacke aus Ballonseide. Ob ich ein Foto von ihm und dem Wasserfall machen könne, fragt er, hält mir sein Smartphone hin. Ich mache zwei, drei Aufnahmen. Er schaut sie durch, bedankt sich. Ich sehe, er startet einen Upload und beschwert sich, der Internetempfang in Island sei beschissen.
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Der Zauber ist verkäuflich

Vom Weltretter-Tourismus und Gutmensch spielen in Ghana

von Christoph Renner

Ich laufe zum ersten Mal durch das kleine ghanaische Dorf mitten im Regenwald, stolziere an den kleinen Wellblechhütten vorbei. Ich strenge mich an, meinem Selbstbild zu entsprechen, das ich mir für Afrika entworfen habe. Pastoral grüße ich jeden, an dem ich vorbeilaufe, mit gehobener Hand und breitem Grinsen wie ein einseitig gelähmter Hampelmann. „Mahaaaaaao“, gröle ich langgezogen, „Guten Tag“ – das einzige Wort, das ich bisher auf Twi kenne. Gut will ich sein, und das sollen auch alle sehen. Offen will ich sein, will zeigen, dass es mir nichts ausmacht, wie sie ohne fließend Wasser zu leben, die Waschstelle ein Bretterverschlag. In vier Monaten will ich daheim sagen können: Diese Zeit hat mich total verändert.
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Danz nah dran

Die Kolumne im Akrützel
Folge 4

von Sebastian Danz

Glaubt man der Bibel, verwirrte Gott vor langer Zeit die Sprache der Menschen, um die Fertigstellung des Turmes von Babel zu verhindern. Die Menschen wollten sich göttergleich in höchste Höhen aufschwingen und einen Turm bauen, dessen Spitze bis zum Himmel reicht. Gott stoppte das Großbauprojekt, indem er seine Schäfchen mit dem Fluch der Vielsprachigkeit belegte. Weil nun keiner mehr den anderen verstand, blieb der Turm ein Traum und die Menschen mussten weiter in der Horizontalen ihr irdisches Dasein fristen.

Gott muss vor kurzer Zeit wieder einen Abstecher zur Erde gemacht haben. Wenn ich mir anhöre, was manche meiner KommilitionInnen in Seminaren erzählen, fühle ich mich in beste babylonische Sprachverwirrungszeiten versetzt.
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Menschensafaris

Slumbesuche als Touristenattraktion

von Lisa Laibach

Beim Betreten des Reisebüros breitet sich in mir ein mulmiges Gefühl aus. Ob es Slumtouren gibt, um die Ärmsten dieser Welt anzugaffen – diese Frage fühlt sich beschämend an. Erstaunlicherweise ist die Dame im Reisebüro so gar nicht davon überrascht, kann mir aber auch nicht sagen, wo solch ein Angebot zu finden ist.

In einem Katalog werde ich aber fündig: Eine Township-Tour, bei der die Besucher „die andere Seite Kapstadts“ zu sehen bekommen.
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