Kundgebung gegen Antisemitismus am Samstag

Brutstätte der Dummheit: das “braune Haus” in Lobeda. Foto: Akrützel-Archiv

(mat) Die Jenaer Gruppen gegen Rechtsextremismus rufen für Samstag, den 10. Januar, 15 Uhr, alle Bürger zu einer Kundgebung gegen Antisemitismus und Rassenhass vor dem „Braunen Haus“ in Alt-Lobeda auf. Anlass ist ein von dem rechtsradikalen Zusammenschluss „Nationaler Widerstand Jena“ organisierter Vortrag des mehrfach verurteilten Antisemiten Horst Mahler mit dem wirren Titel „Die Kernschmelze der judaisierten Welt ist der Welt Auferstehung zum Nationalsozialismus!“.
Mahler, der durch seinen Wandel vom SDS-, APO- und RAF-Mitglied zum Holocaustleugner und Volksverhetzer – zeitweise auch als NPD-Führungsfigur – zu fragwürdiger Berühmtheit gelangt ist, gründete unter Anderem den verfassungsfeindlichen „Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten“. Bereits im Jahre 2002 war Horst Mahler zur Eröffnung des „Braunen Hauses“, des Sitzes des NPD-Kreisverbands Jena/Saale-Holzland, anwesend.
Die Jenaer Protestgruppen kündigten an, dass, obwohl die Veranstaltung sicher nicht verhindert werden könne, das Treiben der „fanatischen Menschenverachter“ aber auch nicht unwidersprochen bleiben solle. Die Gruppen treffen sich bereits um 14.30 Uhr am Holzmarkt, um dann gemeinsam zum Kundgebungsort, der Kreuzung Jenaische Straße/Susanne-Bohl-Straße in Alt-Lobeda, zu fahren. Als einer der Redner hat sich bereits Oberbürgermeister Schröter angekündigt.

Überzeugungstäter

Wie eine anonyme Gruppe versucht, die Studenten aufzurütteln

Von Norbert Krause

Tatort Thulb. Foto: FSU/Scheere

Die Bücher der Universitätsbibliotheken haben seit der letzten Woche neue Lesezeichen. Das Buch „Globalmacht Geld“ beispielsweise bekam den kleinen Zettel: „Wenn der Beweggrund zu einer Entscheidung nicht ökonomischer Art ist, wundert sich der moderne Mensch und bekommt es mit der Angst zu tun.“ Das ist ein Zitat des kolumbianischen Philosophen Nicolas Gomez Davila. Fast 1.000 Bücher sind mit solchen Gedanken versehen worden. Sie sollen die Studenten aufrütteln oder sie zumindest in ihrem trüben Lernalltag ein wenig irritieren.
Die Gruppe, die hinter den Aktionen steht, nennt sich „Denken macht schön!“. Sie hat die vergangene Woche liebevoll zur „Woche der Sensibilisierung“ erklärt. „Wir sind allesamt Schöngeister“, sagt Andrea, ein Mitglied, über die Zusammensetzung der Gruppe. Subversive Tendenzen seien eigentlich gering ausgeprägt. Aber auf institutionalisiertem Wege, also über den Stura, funktionierten solche Aktionen nicht. Deshalb muss sich die Gruppe auch selbst finanzieren und die Aktionen inoffiziell durchführen. weiterlesen…

Die Diktatur der Angepassten

Unkritische, unpolitische, weichgespülte Studenten – eine Polemik

Von Jonas Janssen

Bisweilen wirkt die heutige Studentengeneration lethargisch bis treudoof. Foto: Akrützel-Archiv

Neulich in der Mensa: Ein Langhaariger in knallgelbem „Verwaltungsgebühren-Boykott“-Shirt schlurft an meiner Reihe vorbei. Als er außer Hörweite ist, schnauft mein Gegenüber verächtlich und reckt den Hals zu mir rüber: „Fünfzehntes Semester Philosophie; Attac und Greenpeace plus Weltrettung nebenher – Zeit sollte man haben.“ Da der erhoffte Lacher meinerseits ausfällt, legt er nach: „Also mir gehen diese Gutmenschen ja manchmal richtig auf den Sack.“ Da muss ich doch irgendwie mithalten: „Alter, das kommt aber gut im Lebenslauf, mit Softskills und so.“ Der Schlag sitzt und wir brechen beide in schallendes Gelächter aus.
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Die Welt im Schwebezustand

Ein Gespräch mit Soziologieprofessor Hartmut Rosa

Das Gespräch führte Felix Reinhardt

Prof. Hartmut Rosa ist Lehrstuhlinhaber für allgemeine und theoretische Soziologie. Mit Akrützel sprach er über die Veränderung des Zeitgeistes, Ohnmachtsgefühle und die Faszination der RAF.

Foto: Felix Reinhardt

Herr Rosa, Aktionen gegen Studiengebühren stoßen unter Studenten auf eine nur sehr geringe Resonanz, obwohl sie unmittelbar davon betroffen sind. Wie ist das zu erklären?

Das ist Teil eines allgemeinen Phänomens: Es wird immer schwerer Proteste zu organisieren. Diese Tendenz ist im Übrigen nicht nur studienspezifisch, sondern zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. Ein zentraler Grund sind die aufkommenden Ohnmachtsgefühle. Man könnte zwar protestieren, aber es würde nichts bringen. Spieltheoretisch könnte man sagen, es spielt hier eine Art Kosten-Nutzen-Abwägung hinein. Auf der anderen Seite ist jeder gewillt seinen eigenen Weg zu finden. Lieber ein schneller Studienabschluss und ein paar Praktika als versuchen kollektiv etwas zu tun. Hier findet eine Verschiebung im Lebensgefühl statt. Die Studenten wollen sich in dem Wirrwarr am besten durchschlängeln.

Welche Rolle spielt die 68er-Bewegung für die heutige Studenten-Generation?

Sie wirkt eher negativ. Seit 20 bis 30 Jahren sagen die Dozenten: „Naja, es ist alles nicht mehr so, wie es mal zu unserer Zeit war.“ Aber hier findet auch eine Verklärung statt. Wir haben die Bilder im Kopf, dass diese Generation nichts anderes gemacht hätte als zu demonstrieren. weiterlesen…

Anschnallen nicht vergessen

Die Wickelräume an der Uni gleichen einer Autobahntoilette

Von Anna Zimmermann

Ohne Kommentar. Foto: Philipp Böhm

„Allein in diesem Jahr haben wir 19 neue Wickelmöglichkeiten geschaffen“, erklärt die Verantwortliche für die Wickelräume, Eva Schmitt-Rodermund. „Während es vorher nur ein paar in den Hauptgebäuden gab, haben Mütter nun auch in den externen Instituten die Möglichkeit ihr Kind zu wickeln.“ Jedoch sind alle im Stil der oben beschriebenen Anlage gestaltet. Mit Hilfe der Initiative „Studentenparadies Jena“ versuchte man so die Familienfreundlichkeit der Uni zu fördern – ob es aber wirklich einladend ist, sein Kind auf einer harten Plastikrinne zu wickeln, bleibt fraglich. Schmitt-Rodermund betont, dass kaum eine andere Möglichkeit bleibe. „Besonders im Hauptgebäude herrscht ein Platzproblem, da das gesamte Gebäude unter Denkmalschutz steht.“ Also wich man auf bereits vorhandene Räume aus: die Behinderten-WCs. Weil aber dort der Bewegungsfreiraum der Toilettenbenutzer weiterhin gegeben sein muss, entschied man sich eben für die Raum sparende Variante.
Auch ein anderes Problem eröffnet sich den jungen Müttern: An der Uni gibt es keinen geeigneten Ort zum Stillen der Kinder, es sei denn, man gibt sich mit einer dunklen Kammer im UHG oder einem Kellerraum am Campus zufrieden. Anders sieht es da in der FH aus: Ein geräumiger, freundlicher Wickelraum mit Couch, Mikrowelle und Waschbecken bietet den Müttern eine angenehme Atmosphäre zum Versorgen ihrer Kinder. So etwas sei aber an der Uni nicht realisierbar, hebt Eva Schmitt-Rodermund hervor, obwohl sie es für sehr wichtig halte, jungen Eltern entgegenzukommen. Einen echten Verbesserungsvorschlag für die Qualität der Wickelräume hat sie trotzdem nicht parat. Sandra Schau, eine andere junge Mutter, rät Wickeltischsuchenden deshalb, lieber auf die Wickelmöglichkeiten in der Innenstadt auszuweichen, wenn sie ihr Kind auf eine gemütliche Unterlage betten wollen. „In der Drogerie DM gibt es sogar Feuchttücher und Windeln gratis“, sagt sie schmunzelnd, „es ist nur schade, dass man an der Uni diese Möglichkeit nicht hat.“

Pariser Allerlei

Neue Ausstellung „Von Manet bis Renoir“ im Stadtmuseum

Von Stephanie Frank

Gustave Caillebotts “Europabrücke” von 1876

Was machen 49 Pariser Maler wie Picasso und Chagall in Jena? Sie sind seit Ende November in der neuen und in dieser Form noch nie gezeigten Ausstellung „Von Manet bis Renoir“ im Stadtmuseum zu sehen. Anhand von 90 Portraits und Landschaften macht der Besucher eine Reise zurück in das ausklingende 19. und das beginnende 20. Jahrhundert. Denn die Ausstellung vereint rund 70 Jahre Kunstproduktion in Paris, wo sich Künstler aus verschiedenen Ländern versammelten, um im Austausch miteinander neue künstlerische Wege zu gehen.
In „Le pont de l’Europe“ von Gustave Caillebotte, einem der weniger bekannten Künstler der Ausstellung, flanieren Menschen in Sonntagskleidung über die Europabrücke in Paris. Andere verweilen auf ihr, um die ruhige Stimmung zu genießen. Der herrenlose Hund im Vordergrund verbindet die beiden Situationen miteinander. Die Stahlkonstruktion der Brücke und der weiße Rauch im Hintergrund verweisen auf die zunehmende Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts. Durch scheinbar alltägliche Szenen zeichnet Caillebotte ein feines Bild des Lebens jener Zeit. weiterlesen…