Die Welt im Schwebezustand

Ein Gespräch mit Soziologieprofessor Hartmut Rosa

Das Gespräch führte Felix Reinhardt

Prof. Hartmut Rosa ist Lehrstuhlinhaber für allgemeine und theoretische Soziologie. Mit Akrützel sprach er über die Veränderung des Zeitgeistes, Ohnmachtsgefühle und die Faszination der RAF.

Foto: Felix Reinhardt

Herr Rosa, Aktionen gegen Studiengebühren stoßen unter Studenten auf eine nur sehr geringe Resonanz, obwohl sie unmittelbar davon betroffen sind. Wie ist das zu erklären?

Das ist Teil eines allgemeinen Phänomens: Es wird immer schwerer Proteste zu organisieren. Diese Tendenz ist im Übrigen nicht nur studienspezifisch, sondern zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. Ein zentraler Grund sind die aufkommenden Ohnmachtsgefühle. Man könnte zwar protestieren, aber es würde nichts bringen. Spieltheoretisch könnte man sagen, es spielt hier eine Art Kosten-Nutzen-Abwägung hinein. Auf der anderen Seite ist jeder gewillt seinen eigenen Weg zu finden. Lieber ein schneller Studienabschluss und ein paar Praktika als versuchen kollektiv etwas zu tun. Hier findet eine Verschiebung im Lebensgefühl statt. Die Studenten wollen sich in dem Wirrwarr am besten durchschlängeln.

Welche Rolle spielt die 68er-Bewegung für die heutige Studenten-Generation?

Sie wirkt eher negativ. Seit 20 bis 30 Jahren sagen die Dozenten: „Naja, es ist alles nicht mehr so, wie es mal zu unserer Zeit war.“ Aber hier findet auch eine Verklärung statt. Wir haben die Bilder im Kopf, dass diese Generation nichts anderes gemacht hätte als zu demonstrieren. weiterlesen…

Anschnallen nicht vergessen

Die Wickelräume an der Uni gleichen einer Autobahntoilette

Von Anna Zimmermann

Ohne Kommentar. Foto: Philipp Böhm

„Allein in diesem Jahr haben wir 19 neue Wickelmöglichkeiten geschaffen“, erklärt die Verantwortliche für die Wickelräume, Eva Schmitt-Rodermund. „Während es vorher nur ein paar in den Hauptgebäuden gab, haben Mütter nun auch in den externen Instituten die Möglichkeit ihr Kind zu wickeln.“ Jedoch sind alle im Stil der oben beschriebenen Anlage gestaltet. Mit Hilfe der Initiative „Studentenparadies Jena“ versuchte man so die Familienfreundlichkeit der Uni zu fördern – ob es aber wirklich einladend ist, sein Kind auf einer harten Plastikrinne zu wickeln, bleibt fraglich. Schmitt-Rodermund betont, dass kaum eine andere Möglichkeit bleibe. „Besonders im Hauptgebäude herrscht ein Platzproblem, da das gesamte Gebäude unter Denkmalschutz steht.“ Also wich man auf bereits vorhandene Räume aus: die Behinderten-WCs. Weil aber dort der Bewegungsfreiraum der Toilettenbenutzer weiterhin gegeben sein muss, entschied man sich eben für die Raum sparende Variante.
Auch ein anderes Problem eröffnet sich den jungen Müttern: An der Uni gibt es keinen geeigneten Ort zum Stillen der Kinder, es sei denn, man gibt sich mit einer dunklen Kammer im UHG oder einem Kellerraum am Campus zufrieden. Anders sieht es da in der FH aus: Ein geräumiger, freundlicher Wickelraum mit Couch, Mikrowelle und Waschbecken bietet den Müttern eine angenehme Atmosphäre zum Versorgen ihrer Kinder. So etwas sei aber an der Uni nicht realisierbar, hebt Eva Schmitt-Rodermund hervor, obwohl sie es für sehr wichtig halte, jungen Eltern entgegenzukommen. Einen echten Verbesserungsvorschlag für die Qualität der Wickelräume hat sie trotzdem nicht parat. Sandra Schau, eine andere junge Mutter, rät Wickeltischsuchenden deshalb, lieber auf die Wickelmöglichkeiten in der Innenstadt auszuweichen, wenn sie ihr Kind auf eine gemütliche Unterlage betten wollen. „In der Drogerie DM gibt es sogar Feuchttücher und Windeln gratis“, sagt sie schmunzelnd, „es ist nur schade, dass man an der Uni diese Möglichkeit nicht hat.“

Pariser Allerlei

Neue Ausstellung „Von Manet bis Renoir“ im Stadtmuseum

Von Stephanie Frank

Gustave Caillebotts “Europabrücke” von 1876

Was machen 49 Pariser Maler wie Picasso und Chagall in Jena? Sie sind seit Ende November in der neuen und in dieser Form noch nie gezeigten Ausstellung „Von Manet bis Renoir“ im Stadtmuseum zu sehen. Anhand von 90 Portraits und Landschaften macht der Besucher eine Reise zurück in das ausklingende 19. und das beginnende 20. Jahrhundert. Denn die Ausstellung vereint rund 70 Jahre Kunstproduktion in Paris, wo sich Künstler aus verschiedenen Ländern versammelten, um im Austausch miteinander neue künstlerische Wege zu gehen.
In „Le pont de l’Europe“ von Gustave Caillebotte, einem der weniger bekannten Künstler der Ausstellung, flanieren Menschen in Sonntagskleidung über die Europabrücke in Paris. Andere verweilen auf ihr, um die ruhige Stimmung zu genießen. Der herrenlose Hund im Vordergrund verbindet die beiden Situationen miteinander. Die Stahlkonstruktion der Brücke und der weiße Rauch im Hintergrund verweisen auf die zunehmende Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts. Durch scheinbar alltägliche Szenen zeichnet Caillebotte ein feines Bild des Lebens jener Zeit. weiterlesen…

Jena, ick liebe dir

Teil 4: Die Tegut-Anlieferzone

Von Norbert Krause

Der Ort aller Orte. Foto: Matthias Benkenstein

Es ist wohl der am tiefsten zu Herzen gehende Ort in ganz Jena: Ewig kann man hier sitzen und über die Vergänglichkeit des Lebens philosophieren. Es ist der Durchgang hinter der Straßenbahnendhaltestelle auf dem Ernst-Abbe-Platz und zugleich der Anlieferbereich für Tegut.
Dieser Ort symbolisiert den Übergang vom studentischen zum menschlichen Universum. Er ist der viel benutzte Weg von der Arbeitshölle zur Privathölle. Das spürt man, wenn man aus dem studentischen Kosmos langsam in das architektonisch gewollte und so bedeutsame Dunkel eintaucht und dann, nach gemessener Stille, in der Stadt Jena wieder auftaucht – vor dem eindeutigen und keinen Kompromiss duldenden Schild „Zentrum für ambulante Medizin“.
Nahezu alle Verkehrsmittel treffen hier aufeinander: Motorräder auf Fahrräder, Autos auf Taxis und alle auf Straßenbahnen. Alles wird verbunden durch das hektische Umherlaufen des modernen Menschen. Nur eines wird schmerzlich vermisst: das Schiff. Aber wenn man einmal die Augen schließt und die Menschenströme einen umfließen lässt, dann hat man leicht das Gefühl, wenn schon in keinem Öltanker, so doch in einem kleinen Kanu der Individualität zu treiben. weiterlesen…

Auf der anderen Seite

Ausländische Studenten in Jena und ihre Probleme

Von Conrad Ziesch

Drei von Ihnen werden statistisch gesehen ihr Studium in Deutschland nicht abschließen.         Foto: Matthias Benkenstein

Sie wohnt in Weimar, hat vor wenigen Tagen ihre Masterarbeit an der FSU eingereicht und spricht fließend Deutsch: Ling mit ihrer schwarzen Lockenmähne, ihrem einnehmenden Lachen und den gelben Turnschuhen will so gar nicht in das Bild passen, das sich viele Jenaer Studenten von ihren ausländischen Kommilitonen machen. Wohnheimplatz in Lobeda, schlechte Deutschkenntnisse und unscheinbares Äußeres – die Liste der Vorurteile ist lang. Die Situation ausländischer Studenten lässt sich aber nicht auf Klischees reduzieren, findet Ling, die vor mehr als einem Jahr aus dem Norden Chinas zum Jurastudium nach Jena kam. „Das Leben kann man nicht schwarz oder weiß malen. Es liegt irgendwo dazwischen.“ weiterlesen…

Der Krawatten-Philosoph

Günther Kaletsch: ein Modeberater der alten Schule

Von Peter Neumann

There’s no Business like Krawatten-Business. Foto: Matthias Benkenstein

C’est la cravate qui fait l’homme“, steht auf einem kleinen unscheinbaren Schild in dem Krawatten-Laden von Günther Kaletsch. Tatsächlich steckt hinter diesem Satz eine ganze Philosophie, die sich der 64-jährige Ladeninhaber zu eigen gemacht hat: „Dass man eine Krawatte nicht einfach nur trägt, sondern sie leben muss“. Sein Geschäftserfolg gibt ihm Recht: Seit nun schon sechs Jahren betreibt der gebürtige Rudolstädter seinen schnuckelig kleinen Krawatten-Laden zwischen „Göhre“ und Marktmühle, immer bereit, ein Pläuschchen zu halten oder einfach nur vorbeiziehende Passanten aufs Freundlichste zu grüßen. Die große Fensterfront ist nahezu prädestiniert dafür. Ohne sie würden wahrscheinlich nur halb so viele Kunden den Weg durch Kaletschs Tür finden. Dabei verrät ein flüchtiger Fensterblick längst noch nicht das ganze Ausmaß Kaletscher Krawatten-Manie. Im Laden findet sich ein ganzes Universum gestreifter und gepunkteter, schlichter und mit den Köpfen der Beatles bedruckter Krawatten. „Was immer das Herz begehrt“, schwört Kaletsch. An der Wand hängt sogar eine Krawatte, von der ein Yorkshireterrier mit hechelnder Zunge herabblickt. Auch dieser werde früher oder später sein Herrchen finden, meint der 64-Jährige.

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