„Nicht bereit abzudrücken“

Interview mit einem ehemaligen Bausoldaten der DDR

Das Gespräch führte Jan-Henrik Wiebe



Foto: Jan-Henrik Wiebe

Vor 21 Jahren verließ der letzte Bausoldat die Kaserne in Prora. Die DDR-Regierung hatte am 1. März 1990 beschlossen die Bausoldaten-Verordnung von 1964 zu ersetzen. Bausoldaten waren die Wehrdienstverweigerer in der DDR, welche zwar keine Waffen bedienen mussten, aber eine ähnliche Ausbildung wie normale Soldaten bekamen und teilweise auch militärische Gebäude bauen mussten. Zu erkennen waren sie an einem Spaten auf den Schulterklappen ihrer Uniform. Im Jenaer Rathaus zeigt eine Ausstellung mit dem Titel „Briefe von der waffenlosen Front“ seit dem 21.5. Briefe der Spatensoldaten. Noch bis zum 30.6. kann die Ausstellung besucht werden. Akrützel traf den Initiator Andreas Ilse, der früher selbst Bausoldat war. Heute ist er Regionalbetreuer beim Bundesamt für Zivildienst in Thüringen.

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Jährlich grüßt die Tarnliste

Vorwurf der Täuschung geht wieder um: Stura-Wahl rückt näher

Von Johanne Bischoff und Kay Abendroth




Stabheuschrecken sind besonders gut darin, sich im Dickicht zu verstecken. Diese Mimikry scheint sich auch mancher Stura-Anwärter zum Vorbild zu nehmen.

Foto: flickr.com/dracophylla

Was bisher vor allem dem konservativen Lager angelastet wurde, trifft nun auch linke Gruppen. Listennamen, heißt es, machen den politischen Hintergrund nicht kenntlich und führen die wählenden Studenten in die Irre.
An der rechtswissenschaftlichen Fakultät hat der rechtskonservative RCDS zum Angriff gegen die so genannten Tarnlisten geblasen. Konkret geht es um die mit drei Personen besetzte Liste „Jura in den Stura“, die gegen die Liste „RCDS and friends“ antritt. Belma Avcu und Kai Bekos von der erstgenannten Liste gehören der linken Hochschulgruppe SDS an. Bekos ist auch Vorsitzender des Stadtverbandes der Partei Die Linke.
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Ein Bekenntnis zur pazifistischen Universität

Die FSU soll eine Zivilklausel erhalten um damit ein Zeichen gegen militärische Forschung zu setzen

Von Marco Fieber und Jan-Henrik Wiebe



Foto: Daniel Hofmann

Nach der Tötung bin Ladens waren die Ereignisse vom 11. September 2001 plötzlich wieder präsent: das einstürzende World Trade Center und die darauf folgenden weltweiten Terrorwarnungen – auch vor biologischen Angriffen. Abseits des medialen Fokus’ stockte Deutschland damals den Bestand an Pockenimpfungen auf. Das Auftreten der Krankheit wurde zum letzten Mal 1977 dokumentiert, die Impfungen hierzulande bereits 1975 ausgesetzt, doch plötzlich schien die Sicherheit bedroht. „Man dachte, dass es wieder gefährlich werden könnte“, sagt Professor Andreas Sauerbrei vom Institut für Virologie und Antivirale Therapie an der FSU. Der Facharzt für Medizinische Mikrobiologie berichtet weiter, dass daraufhin die Bundeswehr auf das angesehene Forschungsinstitut zukam, um dort hunderte neue Substanzen testen zu lassen.
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„Ein zartes Pflänzchen“

Dietrich Schulze im Gespräch über die Zivilklausel

Das Gespräch führte Kay Abendroth




Schulze ist Beiratsmitglied der Naturwissenschaftler-Initiative „Verantwortung für Frieden und Zukunftsfähigkeit“. Ab 1966 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter und von 1984 bis 2006 Betriebsratsvorsitzender des Forschungszentrums Karlsruhe, heute Teil des Karlsruhe Institute of Technology (KIT). Er hat die „Initiative gegen Militärforschung an Universitäten“ mitgegründet. Mit Akrützel sprach er über die Verantwortung des Einzelnen, das Prinzip „dual-use“ und die internationale Entwicklung.

Foto: Privat

Was bringt eine Zivilklausel überhaupt?

Ohne eine solche Klausel können immer alle sagen: „Freiheit der Forschung und Lehre! Klar, dass wir auch Militärforschung betreiben können.“ Wenn durch Selbstverpflichtung eine Zivilklausel existiert, werden Forschung und Lehre für militärische Zwecke unterbunden. Darauf können sich dann alle berufen. Sie ist ein Mittel gegen die zunehmende Militarisierung der Hochschulen und ein würdiger Beitrag gerade dieses Landes – 66 Jahre nach der Befreiung von Faschismus und Krieg.

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Spurensuche

Politisch motivierte Kunstaktion mit Folgen

Von Janina Rottmann




Der Name “Industrielle Reserve-Armee” ist von einer lokalen Zeitarbeitsfirma und marxistischen Lehren inspiriert.

Foto: Katharina Schmidt

Seit drei Wochen streifen Unsichtbare durch Jena. Auf ihrem Weg durch die Innenstadt passieren sie mit großen Schritten einen Friseur, eine Zeitarbeitsfirma und machen Halt vor den hölzernen Toren der Universität. Am Ende ihres Weges erreichen sie die Agentur für Arbeit. Der Regen hat mittlerweile zwar viele ihrer Fußspuren verwaschen und auch ihre in Beton gegossenen Schuhe, die sie feinsäuberlich an jenen Orten hinterließen, wurden bereits entfernt. Dennoch sorgt ihre Reise im Moment noch für einiges Aufsehen.
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Interview mit Rektor Klaus Dicke

Was bedeutet das Ausscheiden aus der Exzellenzinitiative für die Uni?
Das bedeutet zunächst, dass wir mit drei Großprojekten keinen Erfolg gehabt haben und nun schauen müssen, wie wir möglicherweise andere Finanzierungen erschließen. Der zweite Punkt ist sicherlich, und da sind wir in guter Gesellschaft, dass das Ergebnis natürlich auch ein Imageverlust ist. Aber das strategische Konzept der Universität, das “Zukunftskonzept“, ist sehr gut beurteilt worden.

Warum wurde es dann nicht angenommen?
Die Voraussetzung, um bei den Zukunftskonzepten zu einem Vollantrag aufgefordert zu werden, ist, dass man eine Graduiertenschule und ein Cluster hat. Wir haben eine Graduiertenschule, die JSMC, aber wir haben kein Cluster. Wir sind, das war ein gewisses Risiko, mit nur einem Clusterantrag angetreten. Gleichwohl ist unser Zukunftskonzept in die Endberatung hineingenommen worden. Das ist ein Zeichen dafür, dass es gut beurteilt wurde.

Das Zukunftskonzept baut auf dem neu entwickelten Slogan „Light – Life – Liberty“ auf. Bisher hatte die Universität aber noch deutlich mehr Forschungsschwerpunkte. Ändert sich das jetzt immer wieder oder steht das jetzt fest?
Ja und nein. Die Formel „Light, Life, Liberty“ ist eine Formel, die versucht, die Schwerpunktbereiche der Universität nach außen hin sichtbar zu transportieren, aber auch innerhalb dieser Schwerpunkte Dinge zusammenzufügen und vor allem: Neues anzuregen.. „Light“ ist nicht nur Laser oder Optik oder Photonik, sondern „Light“ ist auch Enlightenment, Aufklärung. Die Schwerpunkte, die wir hatten, sind in den zentralen Bereichen mittlerweile so miteinander verschränkt, dass man sie jetzt weiter verdichten kann. Aber von entscheidender Bedeutung ist: Man muss ja auch sehen, dass von unten neue Forschungsideen und -linien nachwachsen. Das kann man nur anregen, nicht steuern.

Aber wird durch die Schwerpunktsetzung nicht gerade behindert, dass neue Themen interessant werden?
Ich möchte vorausschicken, dass die Schwerpunkte in der Forschung nicht gesetzt worden sind. Ganz im Gegenteil, die Schwerpunktbildung hat die vorhandenen Forschungspotenziale aufgegriffen und diese mit einem neuen organisatorischen Entwicklungsrahmen versehen. In diesem Rahmen haben sich sehr schnell neue Themen entwickeln können. Wo entscheidet sich die Frage? Sie entscheidet sich da, wo z. B. auch Nachwuchswissenschaftler an Themen arbeiten und neue Themen finden müssen. Da kann plötzlich eine völlig neue Idee hochkommen. Die muss sich nicht unbedingt an einen solchen Schwerpunktbereich angliedern, aber sie sollte langfristig integrierbar sein. Wir haben keinen Einfluss darauf, was dabei herauskommt, aber nur dadurch, dass man Leute mit Mut zusammenbringt, entstehen neue Fragen.

Aber es ist doch nicht mehr Geld da. Sie verteilen das vorhandene Geld neu, indem Sie Schwerpunkte setzen. Damit nehmen Sie auch Geld von Bereichen weg, in denen dann keine „neuen Fragestellungen“ entstehen können.
So einfach ist das Spiel nicht. In dem Augenblick, in dem neue Fragestellungen entstehen, ist in der Regel auch Antragsfähigkeit gegeben, z. B. für Drittmittelanträge bei der DFG. Es ist aber auch nicht so, dass wir das Geld schon fast ausgegeben hätten. Das ist keineswegs so. Es hätte uns die eine oder andere Antragsstellung erspart, wenn man eine Schule und ein Cluster gefördert bekommen hätte, und jetzt müssen wir das auf anderem Wege finanzieren. Nach der letzten Exzellenzinitiative hat das Land das Pro-Exzellenzprogramm aufgelegt und dort auch die Projekte gefördert, für die wir zum Vollantrag aufgefordert waren.

Macht das Land das jetzt wieder?
Ich hoffe ja; darüber werden wir reden müssen.
Aber Thüringen hat ja auch nicht viel Geld. Ist es bei der Exzellenzinitiative denn nicht auch so, dass gerade Universitäten gefördert werden, die jetzt schon Mittel haben? Nach dem Prinzip: „Wer hat, dem wird gegeben“?
Ja, das ist richtig. Und daraus wird ein Problem resultieren. Natürlich ist z.B. die TU München potenter als wir. Und man muss sich genau überlegen, wo wir in Konkurrenz zu den Spitzenuniversitäten treten. Wir haben im Vorfeld der Exzellenzinitiative immerhin bei einem unserer Spitzenleute einen Ruf an die ETH Zürich abgewehrt. Das ist keine einfache und preiswerte Operation, das kann man nicht sehr oft machen. Aber dort, wo wirklich massive Verstärkungen und Potenzial in Jena gehalten werden oder nach Jena geholt werden können, da müssen wir etwas tun. Dafür ist die Ausgangslage durch dieses Scheitern nicht besser geworden. Man darf aber auch nicht vergessen, dass wir z.B. im Bereich der osteuropäischen Geschichte ein Großprojekt an Land gezogen haben und in der Sepsisforschung und der Materialwissenschaft Verbünde aufgebaut haben, die Clustergröße haben. Was fehlt, ist das Image, die Krönung also. Und das Bundesligadenken ist ja in Deutschland sehr verbreitet.

Warum beteiligt sich die Uni denn an diesem Bundesligadenken? Muss sie an der Exzellenzinitiative teilnehmen oder könnte sie auch aussteigen?
Nein, das kann man nicht. Ein bisschen sind wir das auch der Universität schuldig und ich bin ehrlich heilfroh, dass wir es gemacht haben. Aber wir müssen in den nächsten Wochen auch selbstkritisch fragen, wo die Probleme und Defizite sind und was wir tun können, um sie abzustellen. Im Gutachten ist die regionale Verankerung der Universität als „sehr gut ausgewiesen“ hervorgehoben worden, was dahingegen abfällt, ist das internationale Pendant und da müssen wir ran. Wir müssen eine Strategie entwickeln, welche die Frage beantwortet: „Wo wollen wir 2020 stehen?“.

Die heutigen Studenten werden 2020 nicht mehr in Jena sein. Was bringt es denn den Studenten, wenn man sich da bewirbt?
Zum einen sind wir eine Universität und das bedeutet immer, dass Lehre aus Forschung erfolgt. Wenn die Forschung spitze ist, fällt auch für die Lehre Spitzengewinn ab. Zum anderen spielt in den Zukunftskonzepten gerade auch die forschungsorientierte Lehre eine große Rolle. Wenn Sie Biologe werden wollen, dann werden Sie Biologie dort studieren, wo exzellente Forschung in der Biologie stattfindet, weil Sie die begründete Vermutung haben, dass dann in der Lehre auch etwas von dieser Exzellenz ankommt. Das ist das ganze Geheimnis.

Die meisten Studenten studieren doch in ihrer Heimatregion. Sie gehen davon aus, dass Studenten bundesweit mobil sind und sich danach ihren Studienplatz aussuchen.
Das ist richtig. Dass das in der Vergangenheit weitgehend nicht der Fall war, wissen wir, aber dass das zunehmend der Fall ist, wissen wir auch. Der Anteil der Studierenden aus Westdeutschland sowie auch international ist stetig ansteigend.

Woran sind die Bewerbungen Jenas gescheitert?
Sie sind eben nicht durchgekommen. Es gab 227 Anträge und davon ist nur ein geringer Prozentsatz durchgekommen. Wir haben die Gutachten, haben mit den Sprechern der Antragsgruppen gesprochen und die Gutachten werden kritisch ausgewertet.

Aber womit wurde das Ausscheiden begründet?
Es werden auf einer Seite Stärken und Schwächen ausgewertet. Bei einigen kann man sagen, dass der Antrag mit derselben Begründung auch hätte durchkommen können. Es muss also eine ganze Reihe sehr guter oder exzellenter Anträge dagewesen sein.

Und welche Schwächen wurden benannt?
Eine Schwäche ist sicherlich der internationale Outreach. Über andere Dinge kann man sicherlich diskutieren, das will ich aber nicht öffentlich ausbreiten.

Welche Stärken wurden herausgestrichen?
Sehr gut ist die regionale Einbindung weggekommen. Das umfasst die Einbindung von außeruniversitären Instituten, aber auch der Wirtschaft und Dienstleistern in der Region. Und die Forschungsdynamik wurde deutlich hervorgehoben, also die Entwicklung seit der ersten Runde der Exzellenzinitiative.

Haben Sie im Senat über den Fortgang der Uni gesprochen?
Ich habe im Senat elf strategische Punkte angesprochen, bei denen wir uns überlegen müssen, wie wir mit ihnen das Jahr 2020 erreichen wollen. Aber ich habe das als Aufschlag gemeint und lege großen Wert darauf, dass zu diesen strategischen Punkten eine breite Diskussion in der Universität stattfindet, auch unter Einbeziehung der Studierenden. Einer der Unterpunkte war zum Beispiel, dass man über eine Charta der Rechte und Pflichten der Studierenden spricht. Diese Überlegungen sollen bis zum Ende des Wintersemesters abgeschlossen werden, dann müssen wir in die Umsetzung gehen.

Betrifft dies auch die Schwerpunktbereiche, die nun nicht durch die Exzellenzinitiative gefördert werden?
Das ist unabhängig davon. Wir werden sehen, ob wir daraus z.B. DFG-Anträge oder BMBF- oder europäische Förderanträge machen. Die Überlegungen dazu haben unmittelbar nach der Bekanntgabe der Ergebnisse begonnen. Es ist also nicht so, dass es da erst großes Wundenlecken und dann Erstarrung gab.

Haben Sie nun schon eine Rückmeldung vom Kultusministerium über eine finanzielle Weiterförderung durch das Pro-Exzellenzprogramm?
Es gibt durchaus positive Äußerungen, dass die Pro-Exzellenzinitiative – in welcher Form auch immer – weitergehen soll. Aber die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen.

Wie teuer war die Bewerbung?
Das ist schwer zu sagen. Aber was da an Arbeit investiert wurde, ist alles andere als verloren. Die Anträge stehen. Es kann ja durchaus sein, dass aus dem einen oder anderen ein größerer Projektkontext erwächst, der dann urplötzlich an anderer Stelle in ein Programm passt und mindestens so viel einspielt wie ein Cluster. Wir haben zwei sogenannte Zentren für Innovationskompetenz, die Clustergröße haben. Das Imre Kertész Kolleg beispielsweise ist vom Fördervolumen größer als eine Graduiertenschule.

Man benutzt das also als Grundlage für weitere Bewerbungen.
Ja, unter anderen Konstellationen. An dem Clusterantrag haben wir mit bis zu 50 Leuten gearbeitet, inklusive Halle und Weimar. Die Kooperation mit beiden wird auf jeden Fall fortgesetzt. Die konkrete Kooperation mit Halle ist übrigens auch gelobt worden.

Haben Sie sich auch für den Qualitätspakt Lehre beworben?
Ja, natürlich. Es ist ein Programm, bei dem es zusätzliche Gelder für Lehre gibt.