„Der Wind ist härter geworden“

Rektor Klaus Dicke über die Folgen des Bologna-Prozesses

Das Gespräch führten Norbert Krause und Matthias Benkenstein

Foto: FSU/Rektorat

Rektor Dicke, Mitte Juni wollen die Studenten bundesweit für eine bessere Bildung streiken. Wogegen würden Sie protestieren?
Ich vermute mal gegen Einengungen, die der Bologna-Prozess mit sich bringt – da, wo sie existieren. Sie existieren nicht überall. Es gibt durchaus Bereiche, in denen die Bologna-Umstellung sehr gut gelungen ist. Es würde davon abhängen, was ich studiere.

In welchem Fach würden Sie denn protestieren?
Das kann ich so nicht sagen. Es ist ja auch eine Frage, wann die Schwelle zum Protestieren überschritten ist. Da muss schon einiges an Frustration da sein. weiterlesen…

Leichen zum Frühstück

Ein Besuch in der Jenaer Anatomie

Von Daniel Hofmann

 Foto: Christoph Worsch

Ein großer Raum mit Lampen, die so schwach leuchten, dass man sie genauso gut durch Kerzen ersetzen könnte. Glänzende Tische aus Edelstahl, auf denen sich Leichen erst kürzlich Verstorbener befinden. Es ist totenstill. Während alle angehenden Mediziner sich um ihre Studienobjekte versammeln, steigt einem ein übler Geruch in die Nase, den man kaum abschütteln kann – so stellt man sich einen Anatomiesaal vor, wenn die einzige Quelle der gleichnamige deutsche Horrorfilm wäre. weiterlesen…

Der Krawatten-Philosoph

Günther Kaletsch: ein Modeberater der alten Schule

Von Peter Neumann

There’s no Business like Krawatten-Business. Foto: Matthias Benkenstein

C’est la cravate qui fait l’homme“, steht auf einem kleinen unscheinbaren Schild in dem Krawatten-Laden von Günther Kaletsch. Tatsächlich steckt hinter diesem Satz eine ganze Philosophie, die sich der 64-jährige Ladeninhaber zu eigen gemacht hat: „Dass man eine Krawatte nicht einfach nur trägt, sondern sie leben muss“. Sein Geschäftserfolg gibt ihm Recht: Seit nun schon sechs Jahren betreibt der gebürtige Rudolstädter seinen schnuckelig kleinen Krawatten-Laden zwischen „Göhre“ und Marktmühle, immer bereit, ein Pläuschchen zu halten oder einfach nur vorbeiziehende Passanten aufs Freundlichste zu grüßen. Die große Fensterfront ist nahezu prädestiniert dafür. Ohne sie würden wahrscheinlich nur halb so viele Kunden den Weg durch Kaletschs Tür finden. Dabei verrät ein flüchtiger Fensterblick längst noch nicht das ganze Ausmaß Kaletscher Krawatten-Manie. Im Laden findet sich ein ganzes Universum gestreifter und gepunkteter, schlichter und mit den Köpfen der Beatles bedruckter Krawatten. „Was immer das Herz begehrt“, schwört Kaletsch. An der Wand hängt sogar eine Krawatte, von der ein Yorkshireterrier mit hechelnder Zunge herabblickt. Auch dieser werde früher oder später sein Herrchen finden, meint der 64-Jährige.

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Ein Rest von Gemütlichkeit

Samstags früh um fünf beginnt für das Ehepaar Daus der Markttag 

FOTO:Astrid Richter

Von Astrid Richter

Dass Jena eine Studentenstadt ist, spielt sich für ihn nur am Rande ab: Hans Heinrich Daus steht vorm Stadtmuseum Göhre und beobachtet, wie sich im Schein der Laterne drei Gäste des Flower Power voneinander verabschieden. Während sie ins Bett gehen, beginnt der Rentner aus Mellingen mit seiner Arbeit. Jeden Samstagvormittag baut Herr Daus seinen kleinen Verkaufstisch auf dem Jenaer Wochenmarkt auf. Wie immer wird der 69-Jährige acht Stunden hier sein. Jetzt ist es erst fünf Uhr morgens. Der Mond steht schmal über dem Fuchsturm am Himmel. „Heute ist es angenehm draußen“, sagt Herr Daus und während er erzählt, wirbelt Atemluft vor seinem Mund auf. Es sind nur vier Grad. Trotzdem trägt er seine Jacke offen. Auch einen Schal hat er nicht um.
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Jena, ich liebe dir

Teil 2: Die Landgrafen-Bank Nummer 152
von Kristin Haug

Wenn es in der Stadt nebelig wird, dann verschwindet die Stadt da unten. FOTO:Kristin Haug

Hjühp, hjühp. Wenn die Vögel hier oben zwitschern, dann hört es sich fast so an, als klappe man den Deckel eines quietschenden Kopierers nach oben. Langsam quäle ich mich hinauf zur „Eule“, einer Bergfront am Rücken des Landgrafen. Die Waden zwicken, die Knie ächzen. Der Schweiß perlt mir herunter, ich selbst aber will hinauf – den Po bewegen, die Uni vergessen, allein sein. Hoch oben, da kreuzen sich die Wege durch die Bäume und Felder und wenn es neblig ist, dann kann man sich vorstellen, nicht die Stadt, sondern das Meer liege unter einem. Hier kann ich mit Jena abschließen, mit der Stadt, mit dem kleinen Mikrokosmos, in dem sich die Menschen drei Mal am Tag über den Weg laufen und jedes Mal Hallo sagen. Hier ist niemand, nur die Entspannung. Im Sommer schallen die Lieder der Kulturarena hinauf und zur Fußballmeisterschaft die umjubelten Tore. Eigentlich bin ich ja hier, um noch eine Runde um den Berg zu laufen, wegen der Fitness. Letzen Endes übermannt mich aber die ganze Entspannung und da ist auch noch diese Bank. Sie trägt die Nummer 152 und sitzt auf einem abgeschlagenen Weg hinter einem Strauch mit roten Beeren und schaut hinunter ins Tal. Das Laub ist feucht und manche Blätter sind so braun und so gerollt, dass sie aussehen wie Hundekötel.

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