Performance ist alles

Die „American Songbirds“ erkunden die Grenzen des Singer/Songwriter-Tums

von Sandra Vogel

Wie eine schwarze Masse erhebt sich die Bühne im schummrigen Blau des Volksbads. Wo früher platschendes Wasser zu vernehmen war, hallt heute ein gespenstiges „Ave Cuckoo“ von den Wänden wider. Es verkündet den Beginn des Konzertes der American Songbirds.

weiterlesen…

Allen Klischees zum Trotz

Wir sind die Neuen überrascht mit guten Pointen und originellen Dialogen

von Bernadette Mittermeier

Einige Trailer schrecken vom Kinobesuch ab. Im Fall von Wir sind die Neuen sind es die nervigen Stereotype: Studierende von heute interessieren sich nur für ihre Noten, die Generationen unserer Eltern und Großeltern dagegen haben auf den Barrikaden gewohnt. Wer sich den Film gestern in der Kulturarena angesehen hat wurde allerdings eines Besseren belehrt.
weiterlesen…

Auf der Suche nach dem Glück

Ein mehr als 80 Jahre altes Stück über sehr aktuelle Probleme

von Corinna Hofmann

Mit Kasimir und Karoline eröffnete die Kulturarena das Theaterprogramm. Kasimir hat seine Arbeit als Kraftwagenfahrer verloren – er wurde „abgebaut“. Damit scheinen auch sein Selbstverständnis und sein Selbstbewusstsein dahin, er fühlt sich reduziert auf einen „armen Hund“. Seine Verlobte Karoline will das Oktoberfest genießen, Eis essen und Achterbahn fahren. Sie träumt von einem besseren Leben. Darüber kommt es zum Streit. Karoline sucht ihr Glück in einer Beziehung mit einem besser situierten Mann. Kasimir schließt sich Franz an, einem ehemaligen Kollegen mit kriminellen Neigungen, und seiner Freundin Erna, um seinen Kummer im Bier zu ertränken.
weiterlesen…

Manu Delago Handmade bei ArenAkustik im Jenaer Volksbad

von Sebastian Beer

So einzigartig und exklusiv wie sein Instrument – das „Hang“ (Berndeutsch für „Hand“) – so einzigartig wirkt auch die Musik von Manu Delago und seiner Band Handmade und das trotz der Vielseitigkeit, die sich bei dieser Gruppe zeigt. Von sphärischen, orientalisch anmutenden Klängen beim Hangsolo über groovende Rhythmen beim Schlagzeugduett sowie eine exakt auf die Töne der einzelnen Musiker live vom Drummer synchronisierte Lichtshow bis hin zum brachialen Sound in voller Besetzung, der akustische Elemente wie Kontrabass und Violine mit durch Loopstation vervielfältigtem Gesang und synthetisch wie elektronisch erzeugten Elementen kombiniert und in Austausch bringt, ist so ziemlich alles dabei. Manu Delago wurde durch sein auf Youtube veröffentlichtes Hangsolo Mono Desire bekannt und arbeitete bereits mit Größen wie Björk oder dem London Symphony Orchestra zusammen.

Besonderes Klanginstrument

Doch was ist eigentlich dieses Hang, das der in London lebende Österreicher da spielt? Nicht erst nach dem Konzert, als viele Menschen sich vor der leeren Bühne tummeln, um zu bestaunen und zu streicheln, was Delago in seinen Händen hielt, zeigt sich die Besonderheit des Instruments.

Manu Delago Handmade im Volksbad.  Foto: Sebastian Beer

Manu Delago Handmade im Volksbad.
Foto: Sebastian Beer

Diese aufeinander geklebten halbkugelförmigen Metallkessel der Schweizer Firma PANArt, die diese nur in den Jahren 2000 bis 2013 entwickelte und herstellte, haben ein erstaunliches Klangspektrum. Auf der Oberseite ordnen sich sieben bis acht Mulden, die jeweils einen anderen Ton erzeugen, um den sogenannten „Ding“ in der Mitte an. Gespielt werden kann die „Klangskulptur“, wie die Erfinder sie von einem herkömmlichen Schlag- oder Perkussionsinstrument unterschieden wissen wollen, aber auch zwischen den Mulden, am Rand oder sogar auf der Unterseite, die in der Mitte eine Öffnung hat, wodurch auch tiefe Basstöne erzeugt werden können. Delago, der auf der Bühne zeitweise drei Hanghang (ja, das ist der Plural dieses Instruments) gleichzeitig spielt – egal ob waagerecht auf dem Schoß, neben ihm liegend oder senkrecht zwischen die Beine geklemmt – zeigt einen Facettenreichtum, der durch die Band perfekt ergänzt wird.

Von Elektro-Avantgarde bis orientalischer Rock-Pop

Manu Delago Handmade im Volksbad.  Foto: Sebastian Beer

Manu Delago Handmade im Volksbad.
Foto: Sebastian Beer

Die Pianistin und Sängerin Isa Kurz spielt außerdem noch Violine, der Bass, gespielt von Philipp Moll, wird zwischenzeitlich als Perkussionsinstrument erweitert, Manu Delago und Drummer Chris Norz wechseln sich mehrfach am Schlagzeug ab, Synthesizer oder E-Drumpads werden so ziemlich von jedem der vier Musiker bedient. Die Lieder changieren von meditativen durch Mönchschoräle inspirierten mehrteiligen Stücken wie Medina über Elektro-Avantgarde mit Blitzlichtstroboskop beim Ice Cream Van bis hin zu experimentellem orientalisch angehauchtem Pop-Rock in der Zugabe A long way. So ist für jeden etwas dabei, was sich auch im durch jede Altersklasse vertretenen Publikum bestätigt. Auf Tour sind Handmade momentan mit ihrem Album Bigger than home, auf dem die genannten Stücke ebenfalls zu finden sind. Wer sich von diesem Klangspektakel jedoch lieber live überzeugen möchte, der hat zumindest noch am 30. August in Hannover und am 19. September in Hamburg die Gelegenheit dazu. Weitere Tourdaten, Projekte und CDs finden sich auf www.manudelago.com.

Anbetung der Asche / Patti Smith in der Kulturarena

von Niclas Seydack

IMG_1785

Neil Young, The Who, die Rolling Stones – alle sind sie da. Zumindest auf den T-Shirts der Konzertgäste. Der Blick ins Publikum macht deutlich: Heute heißt’s Halbglatze statt Undercut.

Patti Smith also, eine der Ikonen der Punk-Bewegung gibt ein Stelldichein in der diesjährigen Kulturarena. Schon der erste Song steckt die Erwartungen für gesamten Abend: Nette Country-Beats auf Zimmerlautstärke. Die Konzertgäste sind außer sich. Zumindest ein Fuß wippt bei jedem mit und einige nicken, als gäben sie zu jedem Takt ihr Einverständnis. Schließlich hat man endlich mal wieder die Kinder zu Hause gelassen und kann „abhotten“, mal so richtig „die Sau rauslassen“. Andere haben ihre Kinder einfach mitgebracht. In deren Gesichter kann man überdeutlich einzelne Silben ablesen: „Wann ist das endlich vorbei?“

Vor und nach jedem Song fordert Patti Smith den Weltfrieden, eine globale Umweltbewegung und dass alle Menschen Brüder und Schwestern werden. Das skandiert sie heute, das wollte sie sicher schon vor 40 Jahren. Patti Smith beschwört in jeder Sekunde, mit jedem Satz und jeder Bewegung die Vergangenheit herauf und widmet nahezu jedes Lied einem verstorbenen Freund. Für die habe sie sogar auf dem Jenaer Friedhof gebetet. Alles an diesem Auftritt ist, um es mit einem Wort zu sagen: altersmilde.

Klar, die Patti ist ja auch schon 68. Aber das ist auch Keith Richards und der ist vor ein paar Jahren von einer Kokosnusspalme gefallen, zieht sich noch immer alles rein, was Rausch verspricht und knallt nach jedem Konzert die Groupies. Oder macht zumindest auf der Bühne noch den Eindruck, als würde er.

Patti Smith dagegen besitzt ein Repertoire von exakt vier Moves, die sie in hypnotisch-eintöniger Art und Weise wiederholt: Verträumt die Arme heben, verträumt die Arme senken, verträumt mit den Armen einen Kreis beschreiben und winken. Winken, winken und winken – sieht ein bisschen aus wie bei der Queen.

Als Smith hinter die Bühne geht, um „ein technisches Problem“ zu beheben, singt Gitarrist Lenny Kaye und wird postwendend aus den hinteren Reihen angepöbelt: „Mach des Maul zu da! Wir wollen die Patti sehn!“ Weiter aufbegehrt wird erst als der Regen einsetzt und ein älterer Rocker verlangt, die Schirme wieder zuzuklappen – er sehe ja gar nichts mehr! Die Diskussion nebenan über die nächste Getränkerunde („Weißweinschorle oder Caipi?“) ist lauter als Smiths Klagen über die Welt. Ein Altrocker hat die Augen geschlossen. Unbekannt bleibt, ob er genießt oder eingeschlafen ist. In keinem Fall will man ihn stören, sicher schwelgt er gerade in alten Zeiten, denkt ans Hasch rauchen und freie Liebe am Strand in jenem Sommer Neunzehnhundert-Irgendwann.

Ähnlich wild geht’s auch im Fotograben zu. Nur während der ersten zwei Songs darf fotografiert werden, nur von der rechten Bühnenseite aus und immer anständig hinter der orangenen Linie bleiben – angeordnet von der „Godmother of Punk“ persönlich. Punk ist hier nur die Herrentoilette. Aufs Händewaschen wird kollektiv verzichtet, man kommt sich bei der Suche nach der Seife fast reaktionär vor.

Ausgelassen wie Vierjährige beim Midnightsale des neuen Fisherprice-Feuerwehrtrucks werden die Jenaer dann bei großer Spoken-Word Improvisationskunst: „Schiller was here – Goethe was near!“ Smith beteuert, ihren Tourmanager angefleht zu haben, wieder Station in Jena machen zu dürfen. Danke, Patti, danke. Bei einem Witz über das Gras rauchen wird gelacht, als hätte Mario Barth über Schuhe kaufen gefrotzelt. Punk-Dompteurin Patti Smith hat das Publikum vollends im Griff. Und es wird brav mitgeklatscht, im Viervierteltakt und auf Anweisung der Meisterin. Das ist Rock’n’Roll der Kategorie Maffay, Scorpions oder Heinz-Rudolf Kunze.

Der titelgegebene Song des aktuellen Albums Banga erreicht mit seinen eingängigen Refrain („Say Banga!“) die rebellische Sprengkraft der Hausfrauen-Durchhalteparole Chakka aus den frühen 00er Jahren. Und selbst ihr größter Hit Because the night klingt, als würde ihn eine Freizeitband auf dem Schützenfest covern, gelähmt von Demut vor der guten, alten Zeit.

Die 68-jährige Smith, die mittlerweile auch fotografiert, malt und Lyrikbänder herausgibt, hat sicherlich Großes geleistet für den Punk, für das Spoken-Word und sicherlich auch für die Emanzipation der Frau in der Kunst. Aber Patti Smith, 2014 in Jena – so klingt es, wenn Musik ihre Mindesthaltbarkeit schon seit langer Zeit überschritten hat.

Travis bei der Kulturarena: Jena, come closer!
Der Frontmann Fran Healy konnte spätestens ab der Mitte des Konzertes die Zuschauer in Jena begeistern. Foto: Christoph Worsch

Der Frontmann Fran Healy konnte spätestens ab der Mitte des Konzertes die Zuschauer in Jena begeistern. Foto: Christoph Worsch

von Christoph Worsch

„Manche Lieder kennt man ja aus dem Radio, aber ob es dann von Travis ist, dass weiß man eigentlich nicht so wirklich.“ Ein Satz, der nach dem Konzert von Travis am vergangenen Donnerstag in Jena in der Zuschauermenge fiel. Nicht besser kann die Stimmung an diesem Abend beschrieben werden. Da war sie nun, diese „Weltband“ in der beschaulichen Saalestadt. Und lang hat es gedauert, ehe sich Musiker und Publikum wirklich nah kamen. Travis, irgendwie kennt sie jeder. Songs wie Sing oder Why does it always rain on me sind nicht weniger bekannt, als das zu Tode gespielte Wonderwall von Oasis. Aber Travis sind anders, keine laute Rockband und weit entfernt von den Stadionhymnen Coldplays. Wie weit inzwischen, kaum besser hätte es der Song Reminder aus dem 2013er Album Where you stand zeigen können. Da stand Frontmann Fran Healy nun auf der Bühne mit grauem Rauschebart, wie ein alter weiser Mann in seinem Schaukelstuhl und sang über Ratschläge an seinen Sohn. Die Band, die nie laut und schreiend war, ist noch ruhiger, vielleicht einfach zufriedener geworden. weiterlesen…