Symbol der Götter

Als Dauerbrenner macht Opium Karriere und das seit Menschengedenken. Über die Herkunft und Geschichte einer Weltdroge.

Von Nike Gebhardi

 

Der Ruf nach einer Legalisierung sogenannter weicher Drogen, insbesondere Marihuana, taucht immer wieder auf. Für Marihuana werden auch regelmäßig positive Nebeneffekte angeführt, Schmerzlinderung bei Arthritis beispielsweise. Viel älter und besser erforscht ist aber Opium. Paracelsus entwickelte Medikamente auf Opiumbasis und bis ins 19. Jahrhundert war Medizin ohne Opium als Narkotikum unvorstellbar – selbst Königin Victoria von England hat es geraucht, angeblich zur Linderung ihrer Menstruationsschmerzen.

Opium wird aus dem Saft reifer Mohnkapseln gewonnen, der getrocknet und dann beispielsweise zu Rauchopium oder synthetisch zu Heroin weiterverarbeitet wird. Der aus dem östlichen Mittelmeerraum stammende Schlafmohn gehört zu den ältesten Nutzpflanzen der Welt. Sein Anbau kann bis in die Jungsteinzeit im sechsten vorchristlichen Jahrtausend nachgewiesen werden. Erste schriftliche Beweise finden sich in Keilschrifttafeln aus dem vierten vorchristlichen Jahrtausend und ziehen sich durch alle frühen europäischen Hochkulturen: Bei den Griechen Symbol für mehrere mit Schlaf in Verbindung stehende Götter, wurde das Rauschmittel von Ägyptern, Griechen und Römern für medizinische sowie kultische Zwecke verwendet.

Zur römischen Kaiserzeit entwickelte Opium sich zu einer Luxusdroge, bei einer Inventur im römischen Kaiserpalast im dritten Jahrhundert sollen Tonnen der Substanz gefunden worden sein. Spätestens mit Verbreitung des Christentums wurde Opium aber zumindest für die konvertierten Teile Europas tabu: Krankheit wurde als Strafe Gottes gesehen und das Leiden dementsprechend als Buße. Hinzu kam die grundsätzliche christliche Aversion gegenüber Rauschzuständen, sofern nicht rein spirituellen Ursprungs, und die Droge wurde schließlich zumindest offiziell geächtet.
Anders entwickelte sich die Lage in muslimischen Ländern: Da Mohammed Alkoholkonsum verboten hatte, war der in der Levante natürlich vorkommende Schlafmohn eine naheliegende Alternative. Außerdem diente es arabischen und osmanischen Ärzten, die europäischen zu dieser Zeit weit voraus waren, als Anästhethikum bei Gehirnoperationen. Durch die Mauren und Kreuzzüge wurde Opium, nicht nur als Rauschmittel sondern auch als offiziell anerkanntes Medikament, wieder nach Europa zurück gebracht.

Durch die Araber gelangte die Droge in der späten Yuan-Dynastie im 13. Jahrhundert auch nach China. Mit dem aufkommenden Tabak veränderte sich der Konsum, denn da Opium billiger zu importieren war, wurde ersteres mit ihm gestreckt. So fiel es auf, dass Opium geraucht eine weitaus stärkere Wirkung hatte, als geschluckt, wie es bisher immer eingenommen wurde. Die Droge wurde extrem populär.

Vor allem die westlichen Kolonialmächte, die mittlerweile Asien in Besitz genommen hatten, profitierten von diesem Aufstieg. Als nun der chinesische Kaiser Qianlong 1792 die Drogenpandemie in seinem Reich durch ein Verbot in ihre Grenzen weisen wollte, protestierte insbesondere Großbritannien. Es hatte durch erzwungene chinesische Importe sein Exportdefizit ausgeglichen. Erst versuchte das britische Empire durch Schmuggel das Opium doch noch an China loszuwerden, schließlich eskalierten die Spannungen zwischen England und China in zwei Opiumkriegen 1839 und 1856, an deren Ende China sich beugen und Großbritannien gewähren lassen musste.

In Europa hingegen florierte die Arznei im 19. Jahrhundert prächtig. Neben Absinth war es eine der führenden Modedrogen und wurde als Narkotikum benutzt und weiterentwickelt. In Deutschland stellte die Firma Bayer einen Hustensaft auf Opiumbasis her: Heroin.

Mehr und mehr wurden sich die Menschen aber auch der schädigenden Wirkung des Mittels bewusst. In Amerika hatte sich schon seit einiger Zeit Protest geregt und nicht nur in China, auch in Europa griff die Sucht um sich. Gerade seit dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 wurden die Süchtigen in Deutschland mehr. Vielen Verwundeten wurde Opium als Beruhigungs- oder Schmerzmittel verabreicht, wodurch sie in die Abhängigkeit rutschten. Auch unter Matrosen wurde eine Abhängigkeit immer verbreiteter, da sich chinesische Einwanderer mit Kontakten zu Opiumhändlern vor allem in Hamburg – St. Pauli niederließen. Opium wurde 1929 schließlich in Deutschland verboten.

Heute gehören Myanmar, Laos und Thailand, auch als „Goldenes Dreieck“ bezeichnet, zu den größten Opiumproduzenten. Noch mehr produziert aber Afghanistan. UN-Berichten zufolge fiel die Ernte 2015 größer aus als alle der letzten 20 Jahre. Grund sind die Taliban, die sich auch durch den Drogenhandel finanzieren. Aber auch für die Bauern lohnt es sich, den Schlafmohn anzubauen, da er risikoärmer und ertragreicher ist, als andere herkömmliche Kulturpflanzen.

Ein Plädoyer zur Legalisierung von Opium ist dies definitiv nicht. Das war aber auch nicht das Ziel. Vielmehr sollte die Aufmerksamkeit für eine sehr bekannte Droge geweckt werden, die oft, besonders wegen des Ziels der Abschreckung, verschwiegen wird.

Foto: Unsplash/Henry Be

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