Papirossi und American Blend

Zigaretten waren früher mehr als eine fünfminütige Arbeitspause: Sie schufen geographische Verwirrung, brachten dem Westen aber auch den Orient näher. Ein Gespräch mit Dr. Sandra Schürmann, Hauptautorin des Buches Die Welt in einer Zigarettenschachtel – Transnationale Horizonte eines deutschen Produkts.

Das Interview führte Marleen Borgert

 

Was kann man drei Jahre lang an einfachen Zigaretten erforschen?
In alten Fernsehaufzeichnungen von Talkshows diskutieren die Leute umnebelt von Zigarettenqualm. Die Zigarette war über weite Teile des 20. Jahrhunderts dauerpräsent und hat dieses wie kein anderer Konsumgegenstand geprägt. Wir messen ihr deshalb eine große Bedeutung bei. Ihre Anfänge liegen schon im 17. Jahrhundert, denn Menschen haben Tabak ganz unterschiedlich konsumiert und irgendwann haben sie ihn auch klein geschnitten und in Papier gerollt. Bis Tabakkonsum zum Massenphänomen wurde, hat es aber gedauert.

Wann kam der Aufschwung?
Am Ende des 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Die erste Tabakfabrik im Deutschen Reich war 1862 die Laferme in Dresden. Wobei Fabrik zu dieser Zeit bedeutet, dass fünf Menschen etwas in größeren Mengen produzieren. 1919 wurde auch die bekannte Fabrik Yenidze in Dresden gebaut, die an eine Moschee erinnert.

Wieso gerade an ein orientalisches Gebäude?
Tabak wächst in ganz verschiedenen Gegenden und hat je nachdem unterschiedliche Eigenschaften. Der Tabak, mit dem die Zigarette in Deutschland populär geworden ist, war der sogenannte Orient-Tabak, der vor allem aus Griechenland und der Türkei kam. Das ist die Sorte, die in der Laferme und der Yenidze verarbeitete wurde. Sie konnte gut mit orientalischen Motiven und Anklängen aufgeladen werden, um daraus ein exotisches, attraktives Produkt zu machen.

Griechenland gehört doch gar nicht zum Orient.
Nein, nicht zu dieser orientalischen Traumwelt, die da entworfen wird. Aber die hat in dieser Form ja ohnehin nie, nirgendwo existiert. Die Zigarettenhersteller hat das aber nicht interessiert. Sie haben alle Phantasien vom Orient in ihre Zigaretten projiziert.

In den 1920ern waren auch polnische und russische Zigaretten beliebt.
Der deutsche Zigarettenmarkt wurde immer von Traditionen der Nachbarländer beeinflusst. Vor dem Bau der Laferme wurden im heutigen Polen und Russland schon Zigaretten hergestellt. Eigentlich haben die Russen den Orient-Tabak nach Deutschland gebracht. Der Gründer der Laferme stammte aus St. Petersburg. Anfangs wurden hier Zigaretten nach russischem Vorbild hergestellt – Papirossi mit einem ganz langen Papp-Mundstück, das man zweimal knicken musste.

Gab es auch anderen beliebten Tabak?
Der Tabak für die beliebten Zigaretten kam tatsächlich vor dem Zweiten Weltkrieg immer aus dem sogenannten Orient. Eine kleine Marktnische waren zu der Zeit die französischen Schwarzen Zigaretten, die auf ganz bestimmte Art verarbeitet waren. Eine ähnlich kleine Nische waren englische und amerikanische Tabake, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt haben.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde an der Front dann vermehrt geraucht.
Das stimmt. Rauchen und Krieg haben immer sehr eng zusammen gehört. Das Regime des Nationalsozialismus hat das erkannt und dafür gesorgt, dass die Soldaten immer Nachschub hatten. In der ersten Zeit hat das auch funktioniert, denn die deutsche Besatzungspolitik war stark darauf ausgerichtet, Tabakvorkommen zu ­beschlagnahmen. Griechenlands gesamte Tabakernte wurde beschlagnahmt. Als Griechenland dann wirtschaftlich ausgebeutet war, eine Hungersnot tobte und nichts mehr zu holen war, wurde der deutsche Überfall auf die Sowjetunion und die Eroberung der Krim-Halbinsel benutzt, um den dortigen Tabakanbau zu beschlagnahmen.

Wie lange funktionierte diese Taktik?
Als sich 1941/1942 die anfänglichen Erfolge der Deutschen in Richtung einer Niederlage wendeten, war der Nachschub mit Zigaretten nicht mehr gewährleistet. Ebenso wie Verschnitte oder Not-Packungen kamen die Zigaretten der Besatzungsmächte in Umlauf.

Was änderte sich nach dem Sieg der Alliierten?
Die Zigaretten wurden mit den Siegermächten assoziiert. Die starke Abneigung gegen die russischen Soldaten übertrug sich auf deren Zigaretten – besonders auf die, die nicht aus Orient-Tabak waren, die Machorka. Diese galten als ganz furchtbar, die US-amerikanischen und auch französischen Zigaretten dagegen als die besseren. So entstand eine Rangliste der Besatzerzigaretten auf der die amerikanischen ganz oben standen.

Dabei waren die doch wahrscheinlich nicht einmal aus Orient-Tabak.
Nein, die American Blend enthalten nur wenig Orient-Tabak und haben ganz anderen Eigenschaften: Sie sind stärker und aufgrund ihrer Behandlung, wegen der sie nicht so kratzen wie der Orient-Tabak, kann man sie auf Lunge rauchen. Das sind übrigens die Zigaretten, die wir heute rauchen. Auf dem deutschen Markt gibt es kaum noch andere.

Wenn Sie doch nicht den traditionellen Vorlieben entsprachen, wieso etablierten sich die American Blend derart?
Aus verschiedenen Gründen. Erstmal war es die Zigarette der Sieger und dann war es durch die beginnende Ost-West-Konfrontation, den eiserne Vorhang, schwierig, überhaupt guten Orient-Tabak in guter Qualität zu bekommen. Die American Blend wurden das Sinnbild der guten, modernen Zigarette. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren über 90 Prozent der hier gerauchten Zigaretten aus Orient-Tabak – ab Anfang der 50er Jahre hatten dann American Blend die Mehrheit.

Wurde auf diese Entwicklung Einfluss genommen?
Ja, mit dem Marshall-Plan, also der Wirtschaftshilfe der Amerikaner für das wieder aufzubauende Westdeutschland. Er sah Lieferungen von Lebensmitteln und Rohstoffen nach Deutschland vor. Auf Betreiben der amerikanischen Tabak-Bauern, auch umfangreiche Tabak-Lieferungen. Gleichzeitig wurden Einfuhrsperren auf Orient-Tabak verhängt.

Der Marshall-Plan galt nur für Westdeutschland. Sind West- und Ostdeutschland heute noch unterschiedlich in ihren Zigaretten-Vorlieben?
Ja und nein. Interessanterweise setzte sich American Blend hier auch durch, und zwar noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, weil der amerikanische Tabak auch in osteuropäischen Ländern angebaut wurde. Die deutsche Kultur war auch unabhängig von der Zigarette bis zum Zweiten Weltkrieg sehr stark von Beziehungen nach Osten und Südosten geprägt. Dieser Fokus verschiebt sich zur anderen Seite des Atlantiks – die Westernisierung setzt ein.

In Ihrer Pressemitteilung heißt es, der der Orient habe damals vollends zum deutschen Selbstverständnis gehört. Hatte die Westernisierung hieran etwas geändert?
Auch wenn es geographisch immer ein relativ schiefes Bild war, spielte die positive Belegung eine große Rolle. Typische deutsche Zigarettenmarken wurden mit Moscheen, Haremsdamen und verschleierten Menschen auf den Packungen beworben. Salem Aleikum, Sultan, Islam oder Moschee waren gängige Markennamen und das war im damaligen Denken kein Gegensatz zur deutschen Kultur, sondern Normalität.

Die Zigarette selbst ist nicht mehr so normal, wie sie einmal war.
In den 60er wird mit dem Terry-Report die gesundheitsschädigende Wirkung der Zigarette publik. Es war eine Zusammenstellung vom amerikanischen Gesundheitsministerium aller bisherigen Studien, die schlussfolgert, dass Rauchen Lungenkrebs und andere Krebsarten verursacht. Irgendwann ist es eingesickert – die wissentliche Kontaminierung mit Giften ist heute wesentlich weniger geduldet.

Gesundheitlich ein Fortschritt, aber ein Verlust in Anbetracht der Tatsache, wie leicht Kulturen in den deutschen Alltag integriert wurden.
Ja, die Zigarette war nicht nur giftig, sondern ihr kulturelles Potential auch sehr faszinierend. Sie hat viele positive Impulse mit sich gebracht. Damals gab es beispielsweise eine Anzeige mit einem orientalisch gekleideten Mann mit dem Slogan „Preisgesang auf Allah“. Heute ist das kaum vorstellbar.

Werbung wird den realen Verhältnissen nicht unbedingt gerecht.
Ja, aber der vermittelte Wert ist doch: Das, was wir abendländische oder arabische Kultur nennen, muss nicht separat von der deutschen stehen. Jahrhunderte war das bei der Zigarette nicht so. Eine Moschee muss für uns kein Symbol einer arabischen Invasion sein. Der Blick auf den Orient war mal ein anderer – ein viel freundlicherer und offenerer.

Anzeige des Dresdner Herstellers Yenidze aus dem Jahr 1934.
Foto: Reemtsma-Archive im Museum der Arbeit, Hamburg

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