“Du feierst eben gern”

Immer weniger Menschen trin­ken Alkohol – Studenten aber regelmäßig. Ab wann das gefährlich wird und warum gerade jungen Menschen oft gar nicht bewusst ist, dass sie abhängig sind.

Von Paula Swade
Mitarbeit: Benjamin Rix

 

K. sieht nicht so aus, wie man sich einen ehemaligen Alkoholiker vielleicht vorstellen würde. In seinen 20ern mit Cap, langen Haaren und Student, wirkt er wie ein Durchschnittstyp. Nicht wie jemand, den man bei den Anonymen Alkoholikern antrifft. Doch er geht inzwischen regelmäßig zu deren Treffen und hat es zuvor selbstständig geschafft, vier Monate keinen Alkohol zu trinken.
Abhängigkeit und Rausch

Nach Definition der Weltgesundheitsorganisation sind Alkoholiker „exzessive Trinker, deren Abhängigkeit vom Alkohol geistige Störungen oder Konflikte in ihrer Gesundheit, mitmenschlichen Beziehungen oder sozialen und wirtschaftlichen Funktionen aufweist.“ Die Übergänge vom normalen Trinken zur Abhängigkeit sind fließend. Zunächst spricht man vom Alkoholmissbrauch, als Vorstufe zur Alkoholabhängigkeit. Laut PD Dr. Christoph Schultz, Oberarzt der Station zur Behandlung von Suchterkrankungen der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Jena, müssen für eine Abhängigkeit drei von sechs diagnostischen Kriterien erfüllt sein, darunter etwa Toleranzentwicklung und ein körperliches Entzugssyndrom.

„Wenn ein Mann mehrfach in der Woche 0,5 Liter Bier trinkt, bedeutet das nicht per se, dass eine Alkoholabhängigkeit vorliegt.“ Für einen risikoarmen Konsum wird Männern empfohlen, nicht mehr als 0,5 Liter Bier oder 0,25 Liter Wein am Tag zu trinken. Frauen können Alkohol weniger gut abbauen, ihnen wird empfohlen nur die Hälfte dessen zu sich zu nehmen. Zudem sollte laut Schultz an zwei bis drei Tagen in der Woche auf Alkohol verzichtet werden.

Selten, aber dafür zu viel zu trinken ist dabei schädlicher als das regelmäßige Feierabendbier. Als Rauschtrinker gilt, wer mehr als sechs alkoholische Getränke pro Trinkgelegenheit zu sich nimmt. Dieses Rauschtrinken kommt laut Suchthilfestatistik 2015 bei 42,6 Prozent der Männer und 24,9 Prozent der Frauen in Deutschland einmal im Monat vor. Unter 18-29-Jährigen gaben 54,3 Prozent der Männer und 35,6 Prozent der Frauen an, dies zu tun. In dieser Altersgruppe gibt es damit die meisten Rauschtrinker. Es sind vor allem junge Männer der oberen Bildungsschicht, die sich regelmäßig in einen Rausch trinken. Als gesundheitliche Schäden nennt Schultz Magendarmprobleme, Nervenschäden und kognitive Störungen. „Auch in dem Alter kann man schon die schwersten Schäden bis hin zur Leberzirrhose entwickeln.“

Betroffene in Jena

Junge Menschen bilden bei den Anonymen Alkoholikern in Jena eher die Ausnahme. Der Kern setzt sich aus Personen um die 40 zusammen, so J., der die ortsansässige Gruppe 1988 mitbegründet hat. „Für junge Menschen ist es schwer, sich eine Sucht einzugestehen. Man nutzt alle Möglichkeiten, das normale Leben auszutesten.“ Die Gruppe trifft sich jeden Freitag um 18 Uhr im Gemeindehaus Stadtmitte in der August-Bebel-Straße 17. Das Konzept der Anonymen Alkoholiker kommt aus den USA und entstand dort bereits in den 30ern. In der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie sind dagegen mehr jüngere Menschen in Behandlung. „Wir haben 20 Betten auf der Station, ein größerer Teil der Patienten ist jung. Natürlich sind es nicht alles Studenten“, so Schultz.

K. ist nicht in ärztlicher Behandlung, sondern versucht, sein Problem selbst in den Griff zu bekommen. Schon früher hatte er sich oft vorgenommen, aufzuhören, doch tat es nie. Geändert hat sich das, als sein Onkel an einer Magenblutung starb. Erst später erfuhr K., dass dieser ein Alkoholproblem hatte, das er zu Lebzeiten verheimlichte. Zu dem Zeitpunkt hatte auch K. Magenprobleme. Für die bekam er Medikamente verschrieben und konnte in dieser Zeit nicht trinken. Danach beschloss er, sein Leben zu ändern. Zuvor hatte er auch weitere Merkmale eines Alkoholikers gezeigt: Er empfand Trinken als nicht mehr zufriedenstellend, merkte, wie er sich von Anderen absonderte. Nach vier Monaten Abstinenz und eigener Informationsgewinnung beschloss er erstmals, die Gruppe zu besuchen.

Risikogruppe Student?

Bei Studierenden ist es wahrscheinlicher, dass der risikoarme Konsum überschritten wird, so Schultz. Er empfiehlt daher Selbsttests wie den Alcohol Use Disorders Identification Test im Internet zu machen, um herauszufinden, ob das eigene Trinkverhalten schon schädlich ist. K. dagegen glaubt nicht, dass Studenten besonders gefährdet sind, in die Alkoholsucht zu geraten. „Wenn man will, kann man den ganzen Tag trinken, das hat nichts mit dem Studentenleben zu tun. Ich hab auch schon in der Schule in der zweiten Pause mit Kumpels Bier getrunken“. Trotzdem fühlt er sich jetzt manchmal ausgeschlossen in seinen alten Kreisen. Viele verstehen seine Situation und die Problematik dahinter nicht. Es kämen Sätze, wie: „Ist doch nicht so schlimm, du feierst eben gerne“ oder: „Das würde ich niemals schaffen“. An der Gruppe der Anonymen Alkoholiker schätzt er vor allem den Erfahrungsaustausch mit Personen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie er selbst.

Hilfe und Prävention

Der Konsum von Alkohol ist in allen Schichten rückläufig. In Thüringen ist er bei Männern zwischen 1995 und 2005 von 92,5 Prozent auf 82,5 und bei Frauen von 80,3 auf 70,7 Prozent gesunken. Das wird auch auf Präventionsmaßnahmen wie die Kampagne Alkohol? Kenn dein Limit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zurückgeführt. Sie bieten im Internet zudem einen Selbsttest an, um den eigenen Alkoholkonsum einschätzen zu können.
Neben den Anonymen Alkoholikern gibt es auch zahlreiche andere Anlaufstellen in Jena, darunter die Psychosoziale Beratungs- und Behandlungsstelle für Suchtkranke und -gefährdete Jena, das Blaue Kreuz sowie Selbsthilfegruppen der Landeskirchliche Gemeinschaft Jena Hilfe zur Selbsthilfe e.V.

 

Foto: Marleen Borgert

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