Zeit für neue Heldinnen

Germanys Next Topmodel hat es mal wieder bewiesen: Wo äußerliche Schönheit zum Epizentrum allen Denkens wird, sammelt sich gern die Zuschauerschar. Wie stark der mediale Einfluss auf unsere Auffassung von Schönheit ist, besprachen wir mit Dr. Sabrina Kessler, Dozentin für Medienwirkung.

Das Interview führte Lukas Wesenberg

 

Studien zufolge steht der Konsum von Fernsehsendungen wie Germanys Next Topmodel eng im Zusammenhang mit Essstörungen von heranwachsenden Mädchen.
Bei GNTM gilt das Prinzip: Du bist nur etwas wert, wenn du abgemagert und hübsch bist und am Ende genau das tust, was dir gesagt wird. Hier wird konditioniert, denn nur ein optimaler Körper und maximales Gehorsam werden belohnt. Die Folgen bei jungen Mädchen sind in erster Linie nicht direkt Essstörungen, sondern vor allem das überkritische Umgehen mit dem eigenen Körper und ein vermindertes Selbstwertgefühl.

Ist da GNTM vielleicht noch ein sanftes Beispiel?
Bei Sendungen wie Naked Attraction, die auf RTL2 angelaufen ist, ist es noch extremer. Das ist eine Kuppel-Show, bei der nichts weiter gezeigt wird als nackte Körper – nicht einmal Gesichter. Die Körper und nur die Körper werden bewertet. Solche Sendungen bestimmen Kriterien, anhand derer Schönheit bemessen wird. Egal was für sonstige Stärken und Fähigkeiten du hast, wenn dein Körper nicht passt, bist du raus. Mädchen verbringen dann mitunter viel Zeit damit, über ihr Äußeres nachzudenken. Sie hätten in der Zeit so viel Großes schaffen können. Frauen sollten ihre Energie und ihre Gedanken nicht an Diäten verschwenden und keinen Krieg mit dem eigenen Körper führen.

Gilt das für Männer und Frauen?
Generell muss in der medialen Repräsentation der Gender-Aspekt unterstrichen werden. Bei Frauen wird der Fokus stark auf Aussehen gesetzt. Sie werden noch um ein Vielfaches extremer und unrealistischer dargestellt als Männer. Studien zeigen, dass diese Darstellung insbesondere für Frauen negative Auswirkungen haben kann.

Warum orientieren sich die Zuschauer so stark an diesen medial vermittelten Werten und Idealen?
Medien sozialisieren uns. Das fängt schon sehr früh an und beschränkt sich nicht nur auf Körperbilder, sondern beeinflusst insgesamt die Suche nach dem Selbst. Wie erhalte ich von meinem Umfeld Anerkennung? Wie muss ich mich in die Gesellschaft eingliedern? Diese Fragen zu beantworten, ist ein Grundbedürfnis und Medien bieten uns dafür eine riesige Lernumgebung.

Was folgt daraus?
Wenn Menschen jeden Tag einem bestimmten Körperbild und gewissen Werten begegnen, dann pflanzt sich das ein und sie werden teilweise unreflektiert übernommen. Diese Annahme nennen wir in der Kommunikationswissenschaft Kultivierungshypothese. Es geht um die Wirkung einer ständigen Zuwendung zu wiederkehrenden und stabilen Fernsehbotschaften.

Passiert das bewusst?
Es ist in der Regel ein unbewusster und langfristiger Effekt. Bilder, die wir gestern gesehen haben, haben wir nicht heute kultiviert. In den Medien werden immer dieselben Schemata bedient, ob in der Werbung, in Illustrierten oder in Fernsehsendungen. Daraus bilden sich Stereotype, die tagtäglich bestätigt werden. So entstehen in einer Gesellschaft unterschwellig die Prototypen einer perfekten Frau oder eines typischen Mannes.

Das heißt, es sind ausschließlich die Medien, die für uns bestimmen was Schönheit bedeutet?
Niemand hat von Grund auf eine Vorstellung von einem idealen Körper. Dieses wird letztlich durch verschiedene soziale Einflüsse bestimmt. Medien sind erst eine sekundäre Kultivierungsinstanz – Zentral ist als erstes die Familie. Der Freundschaftskreis und die Medien bilden die zweite Instanz. Dieser und die Familie werden aber eben auch von den Medien kultiviert.

Wieso zeigen Medien immer dieselben Ideale?
Medienakteure und Werbetreibende wissen: Je attraktiver die Besetzung, desto höher die Anziehungskraft. Als sogenannte periphere Hinweisreize kann dies eine gewünschte Wirkung, wie den Kauf eines Produktes, begünstigten. Sogar kleine Kinder müssen in den Medien teilweise attraktiv und sexy aussehen.

Solche Personen müssen erst einmal gefunden werden.
Die meisten Hollywoodstars entsprechen selbst nicht diesem abstrakten Ideal. Mit Schminke oder Photoshop werden einfach alle Merkmale, die von Unvollkommenheit zeugen, verdeckt. Letztendlich endet potentiell alles in einem Optimierungswahn, sowohl bei der Produktion von medialen Inhalten als auch anschließend beim Publikum. Irgendwann gewöhnen wir uns an diese Bilder – und erwarten sie dann mitunter auch.

Kann man also sagen, dass Medien Schönheit objektivieren?
Ja, die Kultivierungshypothese geht auch von einem Mainstream-Prozess aus: Durch die Medien wird eine bestimmte Ansicht oder ein Ideal durchgesetzt. Körperbilder oder Rollenklischees, die wir jeden Tag sehen, sind sehr eindimensional. Versuchen sie mal im Fernsehen jemanden zu finden, der füllig und nicht lustig ist. Oder einen Film, in dem nicht die meisten Frauen Modelmaße haben. Es fehlt besonders im Fernsehen an Vielfalt.

 

„Heidi Klum wurde als „fachkundige Zuchtrichterin
bei der Jungrindbeschau“ beschrieben.
Ich finde das passend.“

– Dr. Sabrina Kessler

 

Durch soziale Netzwerke kann doch inzwischen jeder Öffentlichkeit herstellen. Müsste das nicht dieser Eindimensionalität entgegenwirken?
Ich denke, da trauen wir den sozialen Netzwerken zu viel zu. Erstens ist die Werbung dort die gleiche wie in anderen Medien auch. Zum Zweiten haben wir auf Facebook in der Regel nur zu Leuten Kontakt, die wir ohnehin schon kennen und die meist ähnlich sozialisiert sind wie wir. Außerdem unterliegen auch die geposteten persönlichen Bilder unserer Online-Kontakte einem extrem starken Selektionsprozess. Ich lade eben keine Fotos hoch, von denen ich denke, dass ich darauf unvorteilhaft rüberkomme. Vorhandene Ideale werden hier eher noch weiter verstärkt.

Sind besonders Jugendliche anfällig dafür, unreflektiert Ansichten aus den Medien zu übernehmen?
Es zieht sich schon durch jedes Alter. Eventuell fällt es aber im Alter mit einem stabiles Selbst, dass nicht nur auf Äußerlichkeiten aufbaut, leichter, sich von einem kultivierten Körperbild loszureißen. Man muss irgendwann das Selbstbewusstsein entwickeln, zu sagen: Ja, ich entspreche in diesem Punkt nicht einem Model, aber das ist auch völlig egal.

Also ist es nicht nur eine Frage des Alters?
Nein. Neben Jugendlichen sind beispielsweise auch Studierende sehr anfällig, weil sie stark leistungsmotiviert sind. Das kann sich auf sämtliche Lebensbereiche übertragen. Sie können gut einschätzen, was die Gesellschaft möchte und für gut befindet. Und viele haben den Anspruch und ausgeprägten Ehrgeiz, dem gerecht zu werden.

Kann man sagen, dass die Medien zu einer sexistischen Rollenverteilung entscheidend beitragen?
Absolut, denn hauptsächlich werden konservative Bilder angesprochen: Frau hat lange Haare, ist hetero, weiß, für den Haushalt zuständig und wenn sie über 30 ist, darf sie so langsam dem Muttertypus entsprechen. Dies entspricht dem Mainstream und verkauft sich somit besser. Medien tragen so dazu bei, ein einziges Geschlechterbild und Körperideal festzulegen und festzuhalten. Es wird definitiv Zeit für neue Heldinnen.

Sollten Medien stärker reguliert werden und Sendungen wie GNTM vielleicht sogar eine Altersbeschränkung bekommen?
Als Feministin würde ich sagen, solche Sendungen sollten auf keinen Fall im Fernsehen laufen. Und wenn dann mit einer U-18-Beschränkung. In einem Artikel wurde Heidi Klum als „fachkundige Zuchtrichterin bei der Jungrindbeschau“ beschrieben. Ich finde das passend. Wie bei der Rezeption von Gewalt im Fernsehen, kann man aber nicht pauschal von einer negativen Wirkung ausgehen. Wie bei jeder Medienwirkung spielen hier immer noch eine Vielzahl anderer individueller Einflussfaktoren eine entscheidende Rolle. Regulierung und Verbote sind aber auch nichtdie Lösung.

Übernehmen die Medien zu wenig Verantwortung?
Viele Medien sehen sich als Unterhaltungsprogramm gerne losgelöst von jeder Verantwortung. Man sollte mit dem Thema auf jeden Fall kritisch umgehen, denn die bereits genannten Probleme dürfen den Medien durchaus vorgeworfen werden. Wer erzählt denn den heranwachsenden Mädchen, dass Aussehen nicht das Wichtigste an ihnen ist? Können Eltern oder die Schulen das leisten? Es ist wichtig, darüber offen zu sprechen und die Unnatürlichkeit der medialen Realität stärker zu beleuchten. Wir haben als Gesellschaft ein großes Problem, wenn viele Mädchen, die eigentlich was draufhaben, sich nur Gedanken um die Optimierung ihres Körpers machen.

Foto: Lukas Wesenberg

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