Vermessene Schönheit

Schönheit kann anhand objektiver Merkmale eingestuft werden. Welche das sind, erklärt uns Professor Franz J. Neyer, Lehrstuhlinhaber für Persönlichkeitspsychologie. Und auch, wieso er lieber von Attraktivität spricht.

Das Interview führte Marleen Borgert

 

Haben es schönere Menschen einfacher im Leben?
Ja, schönere – oder sagen wir mal attraktivere – Menschen haben es einfacher als andere. In Buenos Aires wurden gerade erst 2500 Bewerbungen verschickt, in denen die Bewerbungsfotos nach Attraktivität variiert wurden. Attraktivere Menschen hatten eine um 36 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, zum Gespräch eingeladen zu werden.

Woran liegt das?
Unter anderem an dem sogenannten Halo-Effekt: Eine Persönlichkeitseigenschaft wird mit einer anderen in Verbindung gestellt, ohne dass ein wirklicher Zusammenhang besteht. In diesem Fall wird mit Attraktivität hohe soziale Kompetenz oder Intelligenz verbunden.

Steht Schönheit mit anderen Eigenschaften im Zusammenhang?
Attraktivität ist an sich schon ein Teil der Persönlichkeit. Sie korreliert aber beachtlich mit Narzissmus, wobei hier die Wirkrichtung nicht geklärt ist. Es kann sein, dass Narzissten deshalb Narzissten sind, weil sie attraktiver als andere sind oder umgekehrt.

Wie stark sind die Zusammenhänge?
In der Persönlichkeitspsychologie immer eher schwach bis mittelhoch. Sie sind messbar und geben eine Tendenz an. Es kann aber keine Vorhersage für den Einzelfall getroffen werden: Nicht alle Narzissten sind attraktiv und nicht alle Attraktiven sind Narzissten.

Sie sprechen von Attraktivität nicht von Schönheit. Wieso?
Schönheit ist ein wertender Begriff. Wir als Wissenschaftler bewerten aber nicht, sondern untersuchen, wie Attraktivität beurteilt wird. Merkmale der äußeren Erscheinung und Attraktivität wurden bestens untersucht. Es ist beeindruckend, dass unabhängige Beurteiler relativ hoch übereinstimmen. Attraktivität ist nicht nur subjektiv. Sie lässt sich objektivieren.

Was macht einen Menschen attraktiv?
Es gibt nicht nur entweder attraktive oder unattraktive Menschen. Die meisten Menschen sind durchschnittlich attraktiv mit feinen Abstufungen. Insgesamt ist allem voran die Symmetrie und Durchschnittlichkeit des Gesichts für den Attraktivitätseindruck entscheidend.

Dabei wollen viele eher etwas besonderes sein.
Ja, aber durch sogenanntes Morphing konnten diese Präferenzen in verschiedenen Kulturräumen nachgewiesen werden. Hierbei werden viele Gesichter übereinander gelegt, also gemittelt. Das entstehende Gesicht ist ein durchschnittliches, das Menschen attraktiver als die ursprünglichen finden. Die Individualität eines Menschen besteht jedoch in der Abweichung vom statistischen Durchschnitt, nicht nur des Gesichts, sondern aller anderen Merkmale.

Wie erklärt sich die Vorliebe für Symmetrie?
Aus evolutionärer Sicht wird mit symmetrischen Gesichtshälften Gesundheit verbunden. Eine Krankheit würde sich eventuell am Hautbild zeigen und Asymmetrie herbeiführen. Deshalb war man als Sexualpartner weniger begehrt.

Attraktivität ist also nichts als ein Hinweis für Gesundheit und somit gute Gene?
Das ist zumindest ihre evolutionäre Funktion. Für den Schönheitseindruck bei Männern ist besonders das Verhältnis von Hüfte zu Schultern und bei Frauen das Verhältnis von Taille zur Hüfte entscheidend. Das lässt sich relativ genau bestimmen: Bei Männern liegt das Optimum bei 0,6 und bei Frauen bei 0,7. Hier sprechen wir nur über die heterosexuellen Bewertung, die am besten erforscht ist.

Bewerten wir wirklich nach so archaischen Maßen?
Es geht sogar noch weiter: Personen im fortpflanzungsfähigen Alter werden als attraktiver wahrgenommen. Heterosexuelle Männer finden ihr ganzes Leben lang junge Frauen attraktiver, besonders während deren höchstem Potential für Fruchtbarkeit. Umgekehrt ist das nicht so beschränkt. Männer sind schließlich– mit kleinen Abstrichen im hohen Alter – ihr ganzes Leben lang fruchtbar.

Dating-Plattformen vermitteln Partner einander nach einem Algorithmus. Wird hier das Wissen über Schönheit angewendet?
Es wäre zumindest effektiv, attraktive Menschen anderen attraktiven vorzuschlagen, denn Partnerwahl geschieht selektiv: Es wird nicht nur im vergleichbaren Alter, innerhalb ähnlicher Einstellungen und vergleichbarem Bildungshintergrund und sozioökonomischen Status gewählt, sondern auch anhand ähnlicher Persönlichkeitsmerkmale wie Attraktivität. Beim Dating gilt generell: Attraktive Menschen sind beliebter, aber auch wählerischer. Sie wechseln auch häufiger ihre Partner, insbesondere attraktive Männer.

Foto: Privat

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