Für immer „Am Fenster“

Die ehemalige DDR-Band City präsentierte ihren größten Hit Am Fenster auf einem prall gefüllten Jenaer Marktplatz – einen Song, den es ohne die Mauer nie gegeben hätte.

Von Christoph Renner

 

Soeben hat Sänger Toni Krahl von der DDR-Band City sich von den Zuschauern verabschiedet. Die Bühne wird verdunkelt. „Zugabe“ ruft die Menge – weniger weil man das so macht, sondern weil jeder weiß, dass noch etwas fehlt. Irgendwo zwischen Back- und Frontstage wird eine Violine gestimmt, alle johlen.

Georgi Gogow, Bassist und Violinist der Band – Spitzname: Der Teufelsgeiger –, tritt vor die Menge und beginnt auf seiner Violine jenes berühmte Motiv zu spielen, das den Song Am Fenster einleitet. Das Lied der Ostrockband gehört zu den schönsten deutschen Liedern des 20. Jahrhunderts. Heute Abend gastieren sie im Rahmen ihrer Jubiläumstour mit dem Titel 40 Jahre am Fenster. Das Jubiläum einer Hymne in Jena.

„Einmal wissen, dieses bleibt für immer“, so beginnt der Song, der in den Siebzigern auch im Westen Erfolg hatte. Die Mauer ist inzwischen gefallen und mit ihm der real existierende Sozialismus – Am Fenster ist geblieben; heute darf es als Hintergrund in keinem klischeebeladenen Film über die DDR mehr fehlen.

„Tut mal so, als wäre hier was los.“

Ich blicke mich auf dem Marktplatz um, ich senke hier deutlich den Altersdurchschnitt. Da stehen dicht an dicht ältere Frauen, die sich verträumt anschauen, Paare im Alter meiner Eltern, die sich wie Jugendliche in den Armen liegen. Männer, Mitte 50 und mit Bierbauch, die vom einen Fuß auf den anderen wippen. „Tut mal so, als wäre hier was los“, ruft während des Konzertes Sänger Krahl in die Menge – er will mit seinem Smartphone ein Foto für den Facebookaccount der Band machen, „und für Twitter, mit Hashtag und so – ihr wisst Bescheid.“ Gitarrist und Bandmitbegründer Fritz Puppel trägt einen ziemlich albernen glitzernden Cowboyhut. Was früher rebellisch war, weil es den „westlich-imperialistischen“ Lebensstil verkörperte, wird heute jedes Jahr zu Karneval von Millionen Deutschen getragen.
Am Fenster ist ein Lied, das es ohne die deutsche Teilung nie gegeben hätte. Es ist eine Hymne an die Freiheit in der Unfreiheit: in so sehnsuchtsvollem Moll, als hätten 17 Millionen Deutsche hinter der Mauer ihren Traum von der Welt hineingelegt. Im Gesang werden oft einfach Silben aneinandergereiht, die sich mit langen Soli des deutsch-bulgarischen Violinisten Gogow abwechseln, der das Lied auch komponiert hat. Das Lied lebt vom Unausgesprochenen, von der Sehnsucht, die man nicht frei äußern kann und darf, und die man stattdessen der Violine anvertraut.

„Flieg ich durch die Welt.“

Der zwölfzeilige Liedtext ist lyrisch kryptisch; das kennzeichnet viele DDR-Songtexte. Der zum Fenster stammt von der ostdeutschen Schriftstellerin Hildegard-Maria Rauchfuß, die in den 1960er Jahren inoffizielle Mitarbeiterin des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen sein soll. Der politische Subtext darin muss gesucht werden: klagt ein Vogel: „ach, auch mein Gefieder/ näßt der Regen flieg ich durch die Welt/ flieg ich durch die Welt“ in dreimaliger Wiederholung; woran werden die DDR-Hörer damals in ihren engen Neubauwohnungen wohl gedacht haben?

Nach der Wiedervereinigung produzierte City keinen wirklichen Hit mehr – wie so viele ehemalige DDR-Bands, die Prinzen ausgenommen. Ein Glück für City, dass sie ihr Fenster haben: „Da hat uns der Himmel geküsst“, sagte Puppel im Interview mit dem Thüringer Allgemeinen Anzeiger. Warum die spätere Erfolglosigkeit der Ostbands? Weil ihre Musik ein Lebensgefühl ansprach und besang, das nicht mehr zum Zeitgeist, zu den Fragen und Sehnsüchten der wiedervereinigten Bundesrepublik passte. Und so spiegeln sich in ihrem Misserfolg nicht zuletzt die Irrungen und Wirrungen ihrer Landsleute im Prozess der Wiedervereinigung wieder. Eine eigene Sprache, einen eigenen Umgang mit der Welt zu finden, die man sich vorher so ersehnt hatte: gar nicht so einfach.

City-Frontmann Toni Krahl trug früher lange Haare und ging barfuß auf die Bühne, 1968 landete er wegen Teilnahme an einer politischen Demonstration für drei Monate im Gefängnis. Heute trägt er, wie alle seine Bandmitglieder, Glatze. Es hat etwas Hölzernes, wie er das in Erinnerungen schwelgende Publikum zum „Hände hoch!“ animieren will. Wo er früher für die Freiheit sang, singt er heute für die Erinnerung. Und seine Band spielt dafür –und das mehr als gewöhnliche Bands – dass man ihr zuhört. Ich schaue mich um und frage mich, ob er da nicht mit vielen aus dem Publikum etwas gemeinsam hat.

Während City ihren größten Hit spielen, muss ich daran denken, wie meine Mutter mir einmal gesagt hatte, dass sie schon lange vor der Wiedervereinigung lieber die Neue Deutsche Welle im Westradio gehört hätte: „Die DDR-Songs, durch die Zensur gepresst, waren mir viel zu kryptisch.“

Foto: Foto: Stefan Brending / Lizenz: Creative Commons CC-by-sa-3.0 de

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