Wir beginnen von vorn

Die Freie Bühne schuf in der Camburger Straße für eine Woche Kunst. Das meint hier auch Konfrontation mit eigener Geschichte und Heimat.

Von Sophie Albrecht

 

Der Tod lädt ein, sein Haus zu erkunden. Ganz in weiß gekleidet wird er den Abend in der Camburger Straße 74 moderieren. Er ist Teil des Kunstprojektes der Freien Bühne Jena. Unter dem provokanten Titel Jenaer Frühling – Demokratie abschaffen, jetzt! hat sie ein leerstehendes Gebäude für eine Woche in ein interaktives Kulturzentrum verwandelt. Das ganze Haus ist umfunktioniert zu einer großen Installation mit Bild, Ton und theatralischer Inszenierung.

 

Es ist wie eine dieser Schatullen mit tausend Kästchen, in deren jedes man Dinge hineingelegt, dann vergessen und Jahre später wieder gefunden hat. Alle Zimmer wurden von verschiedenen Gruppen und Künstlern auf unterschiedlichste Art gestaltet, aber alle haben ein übergeordnetes Thema gemeinsam: die ganz aktuelle Frage nach der Heimat.

Der Besucher begibt sich auf eine Suche nach Vergangenem, nach noch Kommendem, nach Nie-Gewesenem. Es gibt ein Kinderzimmer mit Spielteppich und Puppenhaus. Eine ganz normale Familie. „Wie stellst Du sie Dir vor? Tobe Dich aus und mache ein Photo.“ Jemand hat einfach alle Puppen zusammen in das große Ehebett gelegt. Wenig später sind die Figuren zu einem männlichen Paar, mit Kind, und einem weiblichen Paar, ohne Kind, angeordnet. An der Wand hängt eine große Leinwand. Kindheit bedeutet für mich… Und da stehen obligatorisch Phrasen wie: „Glück, Freude oder in Pfützen springen“, aber auch Dinge wie: „Das Brot bei Oma, bei dem immer die Rinde abgeschnitten war, mit der undefinierbaren Marmelade drauf.“

Denk ich an Deutschland

Im Nebenzimmer wird gestritten. Eine Frau sitzt in nostalgisch möbliertem Zimmer am Esstisch, beklagt sich lautstark über alles und jeden, scheint dabei irgendeine Familiengeschichte aufzuarbeiten – sie hat Alzheimer. Sie lädt auch die Umstehenden ein, sich zu ihr zu setzen und mit zu essen. Es traut sich aber niemand so recht. Eine Inszenierung, bei der die Grenzen zwischen Realität und Spiel verschwinden. Immer wieder huschen Gestalten wie eben jener weiße Tod vorüber und man kann nicht wissen: Wer gehört dazu? Wer ist Teil des Theaters, wer nur zufällig kurz vorbeigekommen? In anderen Räumen wird das deutlicher. Hier werden Hörspiele und Toncollagen abgespielt, Videoinstallationen und Photoausstellungen gezeigt oder kurze Stücke aufgeführt. Eines davon mit dem Titel Nachtgedanken. Ein Stück um Heinrich Heines gleichnamiges Gedicht gewoben. Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht. „Abgespacter Shit!“ – kommt als leiser Kommentar beim Hinausgehen; es ist ein Lob.

Karls und Kanonenfutter

Abgespacter Shit ist auch die letzte, abendschließende theatralische Inszenierung. Nach der Entdeckungsreise rings im Haus findet das große Finale auf dem Dachboden statt. Es ist ein Gang durch die deutsche Geschichte, sich von Aufstand zu Aufstand hangelnd erzählt die Eigenproduktion der Freien Bühne eine Geschichte von Gewinnern und Verlierern. Da gibt es einmal die drei Karls in Weste und Hemd, die Nutznießer, die Drahtzieher, die Gewinner der Geschichte. Ihnen gegenüber steht der namenlose Pöbel, ganz in irdene Farben gekleidet, die Benachteiligten, die Marionetten der Geschichte, das Kanonenfutter, die Hintergrundkulisse auf dem Schauplatz der großen Ereignisse.
Das Stück ist eine große Collage aus lauter kleinen Versatzstücken der deutschen Kultur. Schiller wird zitiert, Brecht, Heine, Celan und immer wieder kommt Heiner Müller im Fernseh­interview zu Wort. Dabei kann die Moderatorin die wütende, protestierende Masse einfach stummschalten. Dann dreht sie an einem imaginären Hebel in der Luft und der Ton ist weg. Es bleibt nur ein pantomimischer Protest.

Seid fruchtbar!
Mehret euch!

Es ist sehr viel Gewalt in diesem Stück. Da wird vergewaltigt, geschossen, erstochen. Aber immer wieder erheben sie sich neu, die Bürger Deutschlands. „Wir sind das Volk!“ Und später: „Wir sind die Opfer! Ausländer raus!“ Was hier stattfindet ist ein bissiges Portrait der deutschen Historie. Der lakonische Schlusssatz des Mannes in weiß wirkt vor diesem Hintergrund vor allem zynisch: „Seid fruchtbar und mehret euch! Und dann beginnen wir von vorn!“

Das Haus ist in einem einzigen Besuch gar nicht in seiner Gänze zu begreifen. Es sind zu viele Einzelteile, die erfasst werden, zu viele Zitate, die erkannt werden müssen. Dabei drängt es nichts auf, lässt Raum zur Interpretation, übergibt sich ganz der Neugier und dem Spieltrieb der Besucher. Und erst im Rückblick wird sich ein Gesamtbild ergeben, werden sich einzelne Eindrücke zu einem großen Mosaik formen und vielleicht bleibt ja was hängen und wenn es nur Textfetzen sind… Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch…

Fotos: Marleen Borgert

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