Denkmäler überdenken

Statuen und Büsten berühmter Persönlichkeiten ziehen sich durch die Stadtbilder. Nach heutigem Maßstab sind unter ihnen Sexisten, Rassisten und Antisemiten – auch in Jena. Sollten wir ihre Denkmäler entfernen oder verdrängen wir damit unsere Geschichte?

Von Charlotte Wolff

Wir sollten uns von Büsten als Denkmälern verabschieden. Dieser Ansicht ist zumindest Prof. Andrea Marlen Esser vom Lehrstuhl für Philosophie. „Eine Büste, das ist nur das Äußere, eine Person, an die wir uns erinnern sollen“, erläutert sie. „Wir würdigen mit Denkmälern eine Theorie. Aber müssen wir die Person als Ganzes ehren?“ Die Hervorhebung einer Person ist vor allem dann problematisch, wenn diese moralisch nicht den Ansprüchen genügt, die wir an Vorbilder stellen, Personen, die also beispielsweise Antisemiten, Rassisten oder Sexisten waren.

Solche fraglichen Denkmäler gibt es mehr als geahnt. Häufig weiß man wenig bis gar nichts über die Personen, deren Denkmäler täglich passiert werden. Die Büste von Jakob Friedrich Fries etwa steht am Fürstengraben, schräg gegenüber der Thulb. Bekannt ist vielleicht noch der Friesweg, in dem das Studentenwohnheim steht, aber damit erschöpft sich zumeist die Kenntnis. Fries war Naturphilosoph und lehrte an der FSU. Was aus dem Denkmal nicht hervor geht, sind seine Ansichten, die dem modernen Antisemitismus den Weg bereitet haben. Sein Werk „Über die Gefährdung des Wohlstandes und Charakters des Deutschen Volkes durch die Juden“ zeigt diese ohne jeden Zweifel. Sie gilt als eine der schlimmsten antisemitischen Hetzschriften des 19. Jahrhunderts.

Erst einmal stehen lassen

Sollten wir Denkmäler wie dieses also schnellstens entfernen? Der Jenaer Pfarrer Lothar König gibt zu bedenken, dass moralische Maßstäbe, die wir heute ansetzen, vielleicht für andere Zeiten nicht funktionieren. König hält es für wichtig, dass wir uns die Mühe machen, die Menschen in ihrer Zeit zu verstehen, bevor wir entscheiden, was mit einem bereits existierenden Denkmal geschehen sollte.

„Grundsätzlich sollten wir erst versuchen, die Denkmäler stehen zu lassen. Sie wurden von den Menschen vor uns aus bestimmten Gründen errichtet.“ Es sei wichtig, die Hintergründe und Motivationen zu verstehen.

„Der Antisemitismus hat das Abendland tausend Jahre geprägt und prägt es heute noch. Folglich müsste ich ja alle Denkmäler abreißen und fast alle Kirchen“, stellt König fest. Ein Luther-Denkmal zum Beispiel würde er stehen lassen. Die moderne Geistesfreiheit, die deutsche Schriftsprache und die moderne Kirchenmusik gehören schließlich zu seinen Errungenschaften, die noch heute geschätzt werden. Die Judenfeindlichkeit in Teilen von Luthers Schriften verurteilt König. Er gehöre aber zu Luther dazu. Ein Denkmal Luthers ist für König dann nicht nur ein Ehrendenkmal für die positiven Ideen, sondern auch ein Mahnmal für uns.

Kontext statt Abriss

Diese Ansicht ergänzt der Historiker Dr. Tobias Freimüller vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte. Er erklärt als Beispiel, dass Anfang des 20. Jahrhunderts das Gedankengut der Eugenik und Rassenhygiene weit verbreitet war, auch in linken Kreisen und weit über Deutschland hinaus. „Als Historiker kann ich nicht mehr tun, als möglichst präzise zu erklären, wie die betreffende Person zu kontextualisieren ist und welche Folgen dieses Gedankengut brachte.“ So könne sich jeder ein Urteil bilden. Die nötigen Informationen könnte zum Beispiel ein Schild liefern, das die Hintergründe, die Widersprüche und die problematischen Ansichten der Person erklärt. Aus der Sicht Freimüllers wäre das die optimale Lösung.

Ein entscheidender Punkt hinsichtlich eines Urteils ist es außerdem für Andrea Esser, ob es möglich ist, die Leistungen der Person von dieser als Mensch zu trennen. Grundsätzlich spricht auch sie sich gegen das Entfernen von Denkmälern aus: „Das ist kein aufklärerischer Akt. So bekommen wir kein reflektiertes Verhältnis zu unserer Vergangenheit.“ Ein solches Verhältnis sei nur über Informationen zu erreichen. Diesen Weg ging die Stadt Jena bei der Umbenennung des Jenaplanplatzes. Zuvor hieß er Petersenplatz in Gedenken an den Gründer der ersten Jenaplanschule. Vor einigen Jahren wurde der Name des Platzes geändert, denn Petersens NS-Aktivitäten sollten nicht geehrt werden. Geblieben ist aber die Bodenplatte zu Ehren Petersens und hinzugekommen ist eine Informationsstelle, die den Namen des Platzes und die Namensänderungen erklärt.

Das begrüßt auch Esser: „Es ist wichtiger denn je, Denkmäler nicht stillschweigend zu entfernen.“ Ein kommentierter Bezug zur Vergangenheit sei dem Stillschweigen immer vorzuziehen.

 

Foto: Charlotte Wolff

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