„Wir sind hier, kommt damit klar!”

Der Verein der QueerLounge bietet ein schwul-lesbisches Jugendkaffee an, zu dem jeden Dienstagabend ins Kassablanca eingeladen wird. Sven Bischoff und Samuel Wegner sind beide Vorstandsmitglieder, ein Paar und haben in ihre Wohnung zum Gespräch eingeladen. Ein Interview zum Programm des IDAHOBIT*, ihre Vorstellungen und die kleiner werdende Szene.

Das Interview führte Marleen Borgert

 

Was bedeutet der IDAHOBIT* für euch?

Samuel: Die Veranstaltungen sind schön, passen aber inhaltlich nicht zum Tag. Ich fände es wichtiger, dass man bestimmte Dinge wieder vor Augen führt, zum Beispiel, dass bis 1994 sexuelle Handlungen zwischen Männern in Deutschland strafbar waren. Der IDAHOBIT* markiert den Tag an dem die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität aus Ihrem Diagnoseschlüssel für Krankheiten gestrichen hat. Es sollte signalisiert werden, dass dieser Tag eine Gewichtung hat.
Sven: Dieses Jahr finden Bundestagswahlen statt. Ein Vortrag zur Ehe-für-Alle hätte also gepasst: Wie ist die aktuelle Lage, was machen die Parteien derzeit? In der SPD ist es wieder Wahlkampf-Thema, aber das war es vor vier Jahren auch schon und wurde erneut mit Stimmen der SPD von der Tagesordnung des Bundestags genommen – zum 50. mal.

Was wünscht ihr euch?

Sven: In der Szene kann sich eigentlich mehr bewegen – dafür muss aber mit der Zeit gegangen werden. Wenn ich jedes Jahr auf dieselbe Art und Weise auf denselben Tag aufmerksam mache, dann wirkt es schnell alltäglich oder langweilig. In der Folge wird es nicht mehr richtig wahrgenommen.
Samuel: Aus meiner Sicht ist das größte Problem, dass es mehr in Richtung Selbst-Bespaßung der Szene tendiert. Die Szene organisiert Veranstaltungen für sich selbst. Gerade beim IDAHOBIT* sollten aber die umliegenden Gesellschaftsschichten angesprochen werden, die der Szene nicht angehören. Diesen sollte gesagt werden: Wir sind hier, kommt damit klar. Das Straßenfest dient dazu, aber die Veranstaltungen im Aktionszeitraum sollten dies auch tun.

Was passiert, wenn kein deutliches Zeichen mehr gesetzt wird?

Sven: Es endet wie mit dem Christopher Street Day, der mittlerweile von der Bevölkerung nicht mehr wahrgenommen wird. Es heißt nur noch: An dem Tag haben die Schwulen ihren Spaß, ziehen sich bunt an und gehen feiern – Der Hintergrund, nämlich der erste bekannt gewordene Aufstand von Homosexuellen und anderen sexuellen Minderheiten gegen Polizeiwillkür, gerät in Vergessenheit. Dem müssen wir entgegenwirken.

Wieso ist das so schwer?

Samuel: Gute Vorträge können nicht übers Knie gebrochen werden. Dafür braucht man Menschen, die sich damit auseinandergesetzt haben. Das fehlt, beziehungsweise der Kontakt und die Vernetzung zu diesen Leuten fehlt. Insofern ist es der Zeit geschuldet, in der man irgendwann in einen Trott hereingefallen ist. Genauso, wie sich die Szene extrem verkleinert hat. Wir merken das in der QueerLounge. Obwohl genug Menschen herumlaufen, die unser Angebot wahrnehmen könnten, haben wir vergleichsweise wenig Kunden.

Die Szene ist doch ohnehin relativ klein.

Sven: Sie hat sich auch erst in den letzten zehn Jahren entwickelt. Der Queerweg, ein unserem sehr ähnlicher Verein, hat sich erst vor acht Jahren gegründet, der Sportclub Paradiesvögel vor sieben Jahren. Die QueerLounge gibt es schon über 15 Jahre. Jena als Studentenstadt ist Fluch und Segen zugleich. Durch die hohe Fluktuation kommen zwar immer wieder neue Menschen, aber langfristig bleiben wenige nach Ihrem Studium, was die Arbeit, das Engagement in der Szene beeinflusst.

Wie sieht die Szene gerade aus?

Sven: Seit den letzten Jahren besteht die Tendenz, dass jeder Verein etwas für sich ist. Ich kann es am besten beurteilen – als geborener Jenenser habe ich die Szene über 20 Jahre miterlebt. Der Queerweg macht Infoveranstaltungen, die QueerLounge bietet Abendgestaltung an und der Sportclub macht Sport für sich. Es findet kaum Kooperation statt, obwohl in unseren Satzungen überall fast das Gleiche drinsteht und wir für dasselbe Ziel kämpfen.

Das kann effizienter werden?

Sven: Ja, denn in jedem Verein sind maximal sechs Leute, die sich engagieren wollen. Würden die fünf Vereine besser zusammenarbeiten, könnten Projekte viel besser entstehen.

Habt ihr Bedenken, dass sich die Szene auflöst?

Sven: Natürlich. Ich bin im Queerweg, bin Gründungsmitglied des Sportclubs und habe die QueerLounge zusammen mit Samuel übernommen, weil sie sonst weggefallen wäre, was einen Verlust in der Szene dargestellt hätte. Ich werde auch älter – es heißt aber schwul-lesbisches Jugendkaffee. Samuel ist noch jung, bei mir stellt sich die Frage: Passt du da eigentlich noch rein?
Samuel: Unsere ältesten Stammgäste sind inzwischen auch betagter – gehen aufs Rentenalter zu. Die Jugend ist auch vertreten, aber deutlich weniger als wir es uns wünschen würden. Für Außenstehende, die bei der queeren Szene zuerst einmal an Sex denken, wirkt das komisch: Ein älterer Herr an der Bar eines schwul-lesbische Jugendkaffees.

Wird das falsch interpretiert?

Samuel: Ja, das wurde es bereits. Was die Leute dabei nicht bedenken: Ältere Menschen haben einen ganz anderen Blick auf Themen, da sie in einer Zeit aufgewachsen sind und gelebt haben, in der man sich als Homo-, Trans-, oder Intersexueller verstecken musste. Sie haben den Grundstein gelegt für das, was wir jetzt anstreben: Dass die Gesellschaft die LGBTI*-Szene vollends akzeptiert. Insofern macht Alter schon weise. Wenn ich mich zu der Zeit meines Coming-Outs mit so einer Person hätte unterhalten können, wäre ich unglaublich froh gewesen. Deshalb machen wir weiter, auch wenn weniger Menschen kommen.

Ein anderes Thema: Könnt ihr euch in Jena frei bewegen?

Samuel: Es kommt darauf an, wo man sich aufhält. In der Innenstadt können wir uns frei küssen. In anderen Stadtteilen wie beispielsweise Winzerla würden wir das ungern tun.
Sven: In meiner Schulzeit war die rechte Szene sehr aktiv, auch das NSU-Trio kam aus Winzerla: In meiner Klasse war der größte Teil rechtsorientiert – ich nicht. Obwohl ich mein Äußeres angepasst habe, um nicht aufzufallen, habe ich logischerweise auf die Schnauze gekriegt. Abends hatte man wirklich Angst, alleine etwas zu unternehmen. Der Stadtteil ist besser geworden, aber noch nicht ganz sicher.

Noch nicht ganz sicher“, wie meinst du das?

Sven: Ich bin vor fünf Jahren an Heiligabend mit der Straßenbahn aus der Stadt nach Hause zurückgefahren. Schon in der Straßenbahn drohten mir zwei Männern und als ich dann an der Endhaltestation ausstieg, warfen sie zwei Glasflaschen nach mir. Das wundert mich auch nicht, weil aus den Leuten aus meiner Klasse zum Teil nichts geworden ist. Die sind immer noch da und trinken vorm Supermarkt ihr Bier und pöbeln die Leute an.
Samuel: Es gibt eben Ecken in Deutschland, durch die man als schwuler Mann nicht laufen kann. Ich gehe auch nicht durch Kahla. Aber schlimmer als Aggressivität ist die Art Diskriminierung, die im Alltag durch Engstirnigkeit relevant wird.

Wo ist euch das begegnet?

Samuel: Letztlich wollten wir aus Winzerla wegziehen. In der Lutherstraße haben wir eine Wohnung besichtigt, für die ein Studentenpärchen gesucht wurde, das wir zu dem Zeitpunkt waren. Wir waren die perfekten Mieter: Beide einen Beamten als Bürger, beide BAföG und Nebenjob.
Sven: Nach der Besichtigung haben wir alle notwendigen Unterlagen ausgefüllt, die dann an den Vermieter weitergegeben wurden. Dieser hat uns aber aus dem Grund abgelehnt, dass er kein Paar aus Mann und Mann haben will. Der Wohnungsmarkt in Jena ist schwierig genug; wenn man wegen so etwas abgelehnt wird, fühlt man sich wirklich diskriminiert.

Was bleibt zu sagen?

Sven und Samuel: Wir möchten gern erwähnen, dass jeder Verein, der sich in Jena für die Szene engagiert, wichtig für sie ist und mit seinen unterschiedlichen Veranstaltungen zur Bereicherung der Szene beträgt. Jeder Verein wird erst durch seine Mitglieder stark – auch wir sind immer auf der Suche nach Menschen, die sich engagieren möchten, um schwul-lesbisches Leben in Thüringen mitzugestalten. Treu nach unserem Motto: Come on over, genieße das QueerLoungeJena-Kassa-Feeling, lerne neue Freunde kennen und dance the night away!

 

http://www.queerloungejena.de/

Banner: http://dayagainsthomophobia.org/

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