Richtige Welt für ein paar Stunden

Der Sportclub Paradiesvögel e.V. stellt sich vor: Der Vorstandsvorsitzende, Michel Pfeifer-Leeg, und sein Stellvertreter Thomas Nobis im Gespräch über Angst, Etikettenschwindel und sportliche Ambitionen.

Das Interview führte Marleen Borgert

 

Wie kam die Idee zu den Paradiesvögeln?

Thomas: Ich habe in Leipzig, Chemnitz und Dresden in schwul-lesbischen Volleyballvereinen gespielt. Als ich 2009 beruflich nach Jena kam, gab es hier bisher keinen. Ich habe im QueerWeg-Verein, in der QueerLounge und in Chat-Portalen rumgefragt, ob Interesse daran besteht. Zum ersten Training waren wir dann schon 19 Leute. Eigentlich sollte die Sportgruppe an den QueerWeg angegliedert werden, aber da es relativ viele Interessenten gab, haben wir 2010 einen eigenen Verein gegründet.
Michel: Bevor Thomas hergekommen ist, hätte ich nicht nach einem solchen Sportclub gesucht, weil ich es einfach nicht kannte. Ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas gibt.

Wieso ein eigener Verein für Schwule und Lesben?

Michel: Bei jeder neuen Gruppe überlegt man als Homosexueller von Neuem: ‚Muss ich mich outen?‘ An sich hat Sport ja wenig mit Sexualität zu tun, aber wenn man sich nicht outet, wird man wie ein heterosexueller Mensch behandelt. Dazu gehört aber auch, dass Sprüche kommen: ‚Das war ja ein schwuler Schlag‘. Das ist durchaus verletzend. In unserem Verein gibt es das Problem einfach nicht – es wird von Anfang an davon ausgegangen, dass jemand schwul oder lesbisch ist.
Thomas: Menschen gehen mit ihrer Sexualität unterschiedlich um, und haben auch ein ganz unterschiedliches Selbstvertrauen. Wenn man mit sich selbst im Reinen ist, und darüber hinaus in dem Sport, den man macht, auch noch sehr gut ist und genau weiß, in einem neuen Verein wäre man eine Stütze für das Team, dann geht diese Person vielleicht viel offener an einen neuen Verein heran. Wenn dies aber nicht der Fall ist, man also noch unsicher mit seiner eigenen Sexualität ist, und auch im Sport eher ein Anfänger, dann legt man auf die Gruppenmeinung vielleicht mehr Wert. Ein paar Leute haben mit Homosexualität meistens ein Problem. Dann fragt man sich, ob man nach dem Outing noch Unterstützung aus dem Team bekommt; macht sich vielleicht Sorgen, ob man bei Entscheidungen, wer wann in welchem Turnier mitspielt, noch berücksichtigt wird.

Aus Unsicherheit kommt man zu euch.

Thomas: Ja, ich würde sagen, dass schätzungsweise ein Viertel der Spielerinnen und Spieler, die in unserem Sportverein sind, sonst vielleicht in keinem anderen Sportverein spielen würden. Dahingehend haben wir sicher auch eine gewisse Integrationsaufgabe. Menschen wird die Möglichkeit gegeben, Sport zu machen, ohne sich über so etwas Gedanken machen zu müssen.

Wer kann bei euch mitspielen?

Thomas: Jeder, der gern mit uns Sport machen möchte. Unsere Satzung unterscheidet sich nur in einem Punkt von anderen Sportvereinen: Es ist ergänzt, dass wir die Integration von Homosexuellen in den Breitensport fördern. Man kann also auch hetero oder in irgendeiner anderen Form nicht-homosexuell sein. Unsere Möglichkeiten beispielsweise für Transsexuelle sind aber begrenzt. Wir mieten eine ganz normale Turnhalle und sind an die Gegebenheiten, wie zum Beispiel zwei Umkleideräume für Frauen und Männer gebunden. Daher auch unser Name.

Schwul-lesbischer Sportverein.

Thomas: Ja, es gab eine kleine Diskussion darüber, wie wir uns nennen sollten. Unserer Meinung nach wäre es Etikettenschwindel, sich die volle Breite des queeren Spektrums auf die Fahne zu schreiben, weil wir ja tatsächlich keine speziellen Angebote für beispielsweise Transsexuelle haben. Trotzdem sind aber wirklich alle willkommen.

Ist die Atmosphäre eine andere als in anderen Vereinen?

Thomas: Ein bisschen anders vielleicht. Als Heterosexueller kennt man das unter Umständen nicht. Aber wenn man zum Beispiel ungeoutet ist, hat man im täglichen Leben nur ganz selten die Möglichkeit, zu flirten. Man bekommt nur wenig Feedback, Komplimente oder ein Lächeln zum Beispiel – oder wenn, dann gewissermaßen vom falschen Geschlecht.

Bei schwul-lesbischen Turnieren sogar noch in größerem Rahmen.

Thomas: Ja. Es sind ein paar Stunden verkehrte Welt – beziehungsweise aus unserer Sicht, „richtige“ Welt.

Eventuell mehr Partnerbörse als kompetitives Spiel?

Michel: Es kann auch einfach ein Witz gemacht werden, der sonst nicht gemacht werden würde, weil er nur in diesem Umfeld funktioniert.
Thomas: Nein, eine Partnerbörse ist der Verein wirklich nicht. Aber Komplimente vom eigenen Geschlecht geben einem einfach manchmal ein bisschen mehr, als wenn sie beispielsweise von einer Kollegin oder der Frau an der Supermarktkasse kommen. Die Gespräche müssen sich aber noch nicht einmal um solche Themen drehen. Die Mischung aus geschütztem Raum, Zwischenmenschlichkeit und sportlichen Ambitionen machen den Verein aus.

Über die Ambitionen haben wir noch gar nicht gesprochen!

Michel: Wir nehmen regelmäßig an Turnieren von anderen schwul-lesbischen-Sportvereinen teil. Bei einem heterosexuellen Turnier waren wir einmal. Es gibt auch eine schwul-lesbische Liga in der wir eigentlich – im Moment aber aus Leistungsgründen nicht – mitspielen. Europäische und weltweite Vereinigungen richten Turniere aus. Die EuroGames sind schwule Europameisterschaften; Gay Games die internationale Version.
Thomas: Unser Verein war noch nicht auf so einem großen Turnier, denn viele unserer Mitglieder sind Studenten. Aus finanziellen Gründen sind da Fahrten weit über die deutschen Grenzen hinaus eher unüblich. Im Moment sind wir auf einer soliden Mitgliederzahl von circa 30, trotz der hohen Fluktuation, die für die Studentenstadt Jena typisch ist. Es kommen aber auch einige nicht regelmäßig zum Training. Vom Spielniveau her sind wir sehr gemischt. Wenn man sich sportlich immer weiter verbessern will und das Ziel hat, in einer hohen Liga mitzuspielen – ja gut, dann muss man natürlich in einen professionelleren Verein eintreten.

Ist das in Westdeutschland anders?

Thomas: Zumindest bezüglich der Mitgliederzahl. Die westdeutschen Städte haben eine ganz andere Geschichte ihrer schwul-lesbischen Sportvereine. Sie haben sich zu einem Zeitpunkt entwickelt, als der Paragraph 175 gerade gelockert wurde. Homosexualität war da noch viel stärker tabuisiert als heute, an eine eingetragene Lebenspartnerschaft war nicht zu denken. Daher hatten solche Vereine eine ganz andere Daseinsberechtigung. Und es gibt dort viele langjährige Mitglieder, die sich ehrenamtlich um die Vereinsaufgaben kümmern. Die ostdeutschen Städte sind bezüglich solcher Sportvereine erst nach der Wende nachgezogen. Deshalb braucht die Entwicklung hier vielleicht noch ein bisschen. Wobei Jena – in Relation zur Einwohnerzahl – schon relativ gut versorgt ist. Eventuell verabschiedet sich das Modell „Schwul-lesbischer-Sportverein“ in zwanzig oder dreißig Jahren auch, weil es überhaupt nicht mehr gebraucht wird.

Glaubt ihr das?

Michel und Thomas gleichzeitig lachend: Nein.
Michel: Selbst wenn die Gesellschaft irgendwann soweit aufgeschlossen ist: Es ist nun einmal etwas anderes, sich in der eigenen Peer-Group zu bewegen.

 

http://www.paradiesvoegel-jena.de/

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