Von Thrombose und Libido

Depressionen, Thrombosen und keine Lust auf Sex: Das Image der Pille ist heutzutage nicht mehr auf einem Hoch wie noch in ihren Anfangsjahren – gleichzeitig wird sie weiterhin verschrieben. Ein Gespräch mit dem Gynäkologen Dr. med. Wolfgang Reiber zum Ansehen der Pille, ihren Alternativen und ihrer Version für den Mann.

Das Interview führte Marleen Borgert

 

Trotz Nebenwirkungen wird die Pille oft für Nebensächlichkeiten wie reinere Haut verschrieben.
Die meisten Gynäkologen würden die Pille nicht nur wegen der Zusatzindikationen empfehlen. Primär muss ein Verhütungswunsch vorhanden sein. Wegen unreiner Haut gehen die meisten ohnehin zum Hautarzt. Es muss nicht gleich mit Hormonen behandeln werden.

Es wird aber getan.
Wenn ich den Eindruck hätte, dass eine Frau aus diesem Grund bei mir wäre, würde ich ihr sagen, dass sie sich auf etwas einlässt, das in Einzelfällen auch immense Nebenwirkungen hat.

Was sind eventuelle Nebenwirkungen?
Beispielsweise depressive Verstimmungen, die jedoch nach Absetzen der Pille wieder verschwinden. Eine starke Libido-Verminderung, die das Problem der Verhütung auf andere Weise regelt. Am seltensten, aber folgenschwersten sind Thrombosen; Blutgerinnsel, die sich in Blutgefäßen bilden. Wenn diese sich lösen und vom Herzen zur Lunge transportiert werden, können dort große Gebiete verstopft werden. Das nennt sich Lungenembolie und kann tödlich enden.

Wieso wird die Pille weiterhin verschrieben?
Vor- und Nachteile müssen kalkuliert werden. Die Pille ist seit vielen Jahren ein probates, weitgehend risikoarmes Verhütungsmittel. Die Medien übertreiben derzeit, denn die Statistiken zeigen, dass die Nebenwirkungen sehr selten auftreten und häufig, wie im Fall der depressiven Verstimmungen, keine dauerhaften Schäden hinterlassen.

Thrombosen können dauerhafte Schäden hinterlassen.
Durch Rauchen oder Adipositas wird das Thrombose-Risiko viel eher erhöht als durch die Pille. Trotzdem hören Menschen nicht mit dem Rauchen auf oder nehmen ab, wenn davor gewarnt wird. Auch während einer Schwangerschaft erhöht sich das Risiko. Vor Schwangerschaften wird aber nicht gewarnt.

Es gibt verschiedene Generationen der Pille.
Frauen fragen in Einzelfällen von vorneherein nach Pillen der ersten Generation, denn die der folgenden Generationen haben geringfügig stärkere Nebenwirkungen.

Wieso sind Weiterentwicklungen schlechter als ihre Vorgänger?
Weiterentwicklungen sind nicht immer besser als die Ausgangsoption. Statistiken brauchen oft Jahre, um überhaupt Aussagen über Wirkungen und Nebenwirkungen treffen zu können. Die neuen Generationen sind bereits auf dem Markt und erst nach einigen Jahren wird festgestellt, dass mehr Probleme auftreten. Häufig wird deshalb die erste Generation verschrieben.

Sie entstigmatisieren die Pille, können Sie trotzdem Alternativen empfehlen?
Natürlich, denn manche Frauen lehnen Hormone auch pauschal ab. Aber alle Methoden ohne Hormone haben wesentlich höhere Ausfallquoten. Die Zuverlässigkeit von Verhütungsmethoden wird mit dem Pearl-Index berechnet. Er entspricht der Anzahl der Schwangerschaften pro 100 Frauen, die die jeweilige Methode ein Jahr lang angewendet haben. Die Pille hat einen Wert von 0,1, das Kondom beispielsweise einen von 2 bis 12.

Was sind denn jetzt Alternativen?
Mein Favorit ist die Hormonspirale. Sie wirkt im Gegensatz zur Pille lokal, wird also direkt in die Gebärmutter eingesetzt und gibt so wenig Hormone ab, dass diese im Blut kaum nachweisbar sind. Es besteht kein relevantes Thrombose-Risiko. Zusätzlich verringern sich Menstruationsbeschwerden und Infekte werden verhindert.

Wieso benutzt nicht jede Frau die Hormonspirale?
Bei Frauen, die noch kein Kind vaginal geboren haben, ist das Einsetzen manchmal etwas komplizierter und schmerzhafter, was jedoch mit einer Schmerztherapie erleichtert wird. Abgesehen von anfänglich unregelmäßigen Blutungen gibt es dann kaum noch Probleme.

Sie erwähnten das Kondom, das ist eine Methode für den Mann. Gibt es weitere?
Leider nicht viele. Es gibt seit Jahren Bestrebungen, eine Pille für den Mann zu entwickeln. Bisherige Versuche haben aber nicht funktioniert – aktuell ist noch nichts auf dem Markt. Männer können eine Unterbindung ihrer Samenleiter vornehmen lasse.

Das ist dann aber eine endgültige Entscheidung.
Es soll in Einzelfällen auch wieder rekonstruiert werden können, wenn sich die Familiensituation noch einmal ändert. Derartige Operationen verlaufen in der Mehrzahl aber erfolglos. Wer diesen Eingriff machen lässt, muss damit rechnen, dass er eventuell nie wieder Kinder zeugen können wird. Studien stellen gelegentlich auch Spätfolgen der Operation fest. Besprechen Sie das fairerweise vor der Operation, lässt sich kaum ein Mann darauf ein.

Also bleibt Männern bisher nur das Kondom.
Ja, das ziehen sie über und es ist zwar nicht so sicher wie etwa die Pille, aber besser als gar nichts. Und besser als die Methode des Abzählens am Kalender oder des Herausziehens vor dem Samenerguss, des coitus interruptus, allemal. Zur Verhütung von Ansteckungen sexuell übertragbarer Krankheiten ist es jedoch sehr wichtig.

Collage: Marleen Borgert

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