(Un)geplante Kinder

In den 60er Jahren kam die Pille als modernes Verhütungsmittel auf die Märkte der USA, BRD und DDR. Letztere nutzte die Wunschkindpille für ihre Politik. Zur Stärkung der Wirtschaftskraft wurde aufgeklärt – für die Frauen ein großer Schritt in die Selbstständigkeit.

Von Charlotte Wolff

 

Die Anti-Baby-Pille zur Geburtensteigerung nutzen. Eine Strategie, die zunächst paradox klingt. Nicht so für die Politiker der DDR. Die standen nämlich vor der Aufgabe, ihre Bevölkerung zu einer erhöhten Zeugung von Kindern zu animieren. Es mangelte an Arbeitskräften, von außen kamen keine, da blieb nur, sie im eigenen Land zu gewinnen. Der Gedanke hinter der Pillenförderung: Wenn Frauen selber entscheiden können, wann sie die Kinder bekommen, dann bekommen sie vielleicht mehr.

„Ein ethisches Problem mit der Verhütung hatte die DDR nicht“, sagt die Historikerin Anette Leo. Sie arbeitete an dem Jenaer Forschungsprojekt Die Wunschkindpille in der DDR, zu dem sie gemeinsam mit einem Kollegen auch das gleichnamige Buch verfasste. Im Rahmen des Projektes interviewte sie Frauen aus drei Generationen zu ihren Erfahrungen hinsichtlich Aufklärung, Verhütung und der Pille.

Ganz freiwillig war die Entscheidung der politischen Unterstützung allerdings nicht. „Da war ein Druck, der von verschiedenen Seiten auf die Politik ausgeübt wurde“, erklärt Leo. Neben den Politikern waren auch die Forscher von Jenapharm erpicht auf eine Pillen-Entwicklung. Sie hielten dieses Produkt für ein erfolgversprechendes Objekt. Dazu kam es immer wieder zu Todesfällen oder Folgeschäden durch illegale Abtreibungen. Diese veranlassten vor allem Frauenärzte, die mit den Folgen konfrontiert wurden, Druck auf den Staat auszuüben.

Letztlich bekam der 1950 gegründete VEB Jenapharm den Auftrag, dem amerikanischen Vorbild von 1960 sowie dem der BRD von 1961 zu folgen und ein hormonelles Kontrazeptivum – eine Anti-Baby-Pille – zu produzieren. Dr. Dieter Onken und Prof. Alfred Schubert zusammen mit ihrem 30 Mitarbeiter starken Forschungsteam arbeiteten an der Totalsynthese (Synthese ohne Verwendung natürlicher Rohstoffe) von Steroidhormonen. 1965 war es soweit. Als erstes Ostblock-Land stellte die DDR mit Jenapharm das Verhütungsmittel Ovosiston auf der Leipziger Messe vor. Zwar auf dem Markt, aber teuer und nicht frei zugänglich, war der Absatz gering. Es war anfangs nur als Medikament gedacht. Aber es reichten schon Schmerzen während der Regelblutung aus, um das Medikament verschreiben zu können.

 Innovation oder Quatsch

Dr. Gunther Göretzlehner testete ab 1964 Ovosistion für Jenapharm. Als Assistenzarzt traf er auf viele Frauen, die an den Folgen illegaler Abtreibungen litten; und so unterstütze er die neue Verhütungsmethode stark. Probandinnen zu finden, sei kein Problem gewesen, die meisten Frauen waren froh über die Möglichkeit, berichtet er. Leider dachte nicht jeder Arzt so positiv über das neue Verhütungsmittel. Aussagen wie „die Pille, so’n Quatsch fangen wir gar nicht erst an!“ bekamen Frauen nicht selten zu hören. Helga Brinkmann, 1934 geboren, wuchs ohne die Pille auf. Als sie ihren Arzt dann auf die Pille ansprach, kam die vehemente Ablehnung. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits zwei Söhne.

Anfangs kannten längst nicht alle Frauen in der DDR die Pille. Werbung von Seiten Jenapharm gab es nicht.  „Eine Firma in der DDR, die so etwas Innovatives gemacht hat, brauchte keine Werbung. Das erledigten West-Rundfunk und Fernsehen“, erklärt Prof. Lutz Niethammer, Leiter des Jenaer Forschungsprojektes. Auch die Mundpropaganda funktionierte recht gut und ab 1968 wurde es für die Frauen dann auch leichter und  günstiger, die Pille verschrieben zu bekommen. Eine Zuzahlung von 3,50 Mark war zudem deutlich erschwinglicher als die bisher geforderten sieben Mark. Um den zum Teil noch immer zu geringen Umsatz zu steigern, startete Jenapharm den Werbefeldzug Klimmzug, der die  Apotheker und Ärzte des Landes über die Vorteile von Ovosiston aufklärte. Das führte zu einem explosionsartigen Verkaufsanstieg, einer „Ovosiston-Rakete“. Kurz darauf kam es in der Geburtenstatistik zu einem sogenannten Pillenknick – genauso in der BRD.

Passend dazu entledigte sich die DDR auch des der Modernisierung entgegenstehen Kupplungsparagraphen, der diejenigen hart bestrafte, die „eine Gelegenheit zur Unzucht verschaffte“. Damit lag die DDR fünf Jahre vor der BRD. Von da an landete man also nicht gleich in der Zuchtanstalt, wenn man vorehelichen Sex nicht verhinderte oder ihn gar unterstützte.

Von der Regierung gefördert

Der Staat unterstützte bewusst das neue Verhütungsmittel. Er propagierte es gerne als „Wunschkindpille“, als positiv konnotierten Gegensatz zur westlichen Anti-Baby-Pille. In dieser Bezeichnung findet sich auch die Motivation zur gewünschten gesteigerten Geburtenrate wieder. Für die Frauen aber war es schlicht eine Pille zur Verhütung. „Die Pille war bekannt als das Ding, das man als Mädchen eben nimmt, wenn es so weit ist. Kondome kannte ich überhaupt nicht, vielleicht vom Hörensagen. Das fanden wir extrem altmodisch“, erzählt Nina Ahrend. Sie wurde mit der neuen Wunschkindpille groß.

Hier zeigt sich die zeitliche Veränderung. Zwei Generationen zuvor wurde nicht einmal richtig aufgeklärt. Es beschränkte sich zumeist darauf, dass, kam die erste Menstruation, gewarnt wurde, die Tochter solle jetzt kein Kind nach Hause bringen. Helga Brinkmann bezeichnete sich als „keusch, naiv und ungeküsst“.

Mit der Pille kam auch die Aufklärung. „Da haben die Sexualaufklärer zusammen im Verbund mit Medizinern und Gynäkologen eine richtige Offensive gestartet“, erzählt Leo im Gespräch. Der Erfolg zeigte sich in Form von Lehrplanänderungen. Bei aller Modernität wollte der Staat es mit der offenen Sexualität auch nicht übertreiben und er schränkte die Aufklärungsaktivisten ein. Was aber konstant blieb, war die moderne Aufklärung für die Sechst- und Siebtklässler. Hauptsächlich ging es hier um Verhütung, die Vermeidung von Frühschwangerschaften. Gemäß dem Motto: Erst die Ausbildung zur Arbeitskraft, dann die Familiengründung – welche vom Staat selbstverständlich erwartet wurde.

Zur Verhütungspolitik der DDR zählten viele Aufklärungsartikel, in denen verdeutlicht wurde, wie  eine sozialistische Gesellschaft auszusehen hat. Leo erklärt den Grundgedanken dazu: „Je mehr Kinder eine Gesellschaft hat, ­desto attraktiver ist sie.“ Die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaft gegenüber der kapitalistischen liege unter anderem in geplanten Kindern und Konzepten der Gleichberechtigung. Vom Staat wurden daher optimalerweise je Famile drei Kinder gewünscht.

Neben der Schulaufklärung gab es auch zahlreiche Beratungsstellen. Dahin wurden die Jugendlichen mitunter innerhalb des Jugendweiheprogrammes gebracht. Eine Beraterin aus Rostock erzählte Leo, dass sich sowohl Mädchen als auch Jungen alle einmal auf den gynäkologischen Stuhl setzten. Die DDR wollte ihre Gesellschaft modernisieren – dazu gehörte auch die gezielte Förderung des Verhütungsmittels.

Trotzdem konnte nicht jede Frau überzeugt werden. „Die Pille hat mir nichts gebracht“, sagt Monika Augustin zu Leo. Sie erklärt, sie habe beim Sex einfach nichts mehr empfunden, das sei auch beim Kondom nicht anders gewesen. Aus diesem Grund setzte sie die Pille wieder ab und wenn sie schwanger wurde, trieb sie ab. Dreimal. Ein häufigerer Grund des Nicht-Konsums waren aber die Nebenwirkungen, bei denen eine regelmäßige Übelkeit zu den gängigsten gehörte. Zur besseren Verträglichkeit arbeitete Jenapharm daran, die Hormonmenge im Präparat zu verringern. Diverse Folgeprodukte kamen auf den Markt.

Offene Sexualität und Gleichberechtigung

Die immer stärkere Bekanntheit der hormonellen Verhütung und die wissenschaftliche Förderung ermöglichten einen offeneren Umgang mit Sexualität. Die populär-medizinische  Zeitschrift deine Gesundheit nutzte diese Freiheit und publizierte entsprechende Bilder zur Popularisierung der Pille.

Freiheit bedeute es auch für viele Frauen. Erica Pincus, 1950 geboren, ist froh, nicht mehr solch eine Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft gehabt haben zu müssen wie ihre Mutter und deren Generation. Die Pille war für die Frauen ein großer Schritt zur Gleichberechtigung. Sie konnten freier entscheiden, wie ihr Leben verlaufen sollte. In den 50ern gingen die Frauen hauptsächlich wegen des Geldverdienes zum Arbeiten und hatten meist nur schlechtbezahlte Jobs in der Produktion. Aber immer mehr nutzten sie auch die gegebenen Möglichkeiten, um sich weiterzubilden. Viele staatliche Maßnahmen, wie beispielsweise das Frauensonderstudium, waren darauf ausgerichtet, dass die Frauen das Familienleben alleine bewältigen konnten. „Charakteristisch für die Geschlechterbeziehung in der DDR war eine weniger starke Polarisation als im Westen“, sagt Niethammer.

Im Hinblick auf Verhütung und Sexualität erwies sich die sonst sehr restriktive DDR als erstaunlich offen. Für einige war die Einführung der Pille ein emanzipatorischer Schritt in die Freiheit und für andere eine praktische Sache.

Foto: Norbert Vogel; Titelbild zu einem Artikel über Verhütungsmethoden in „Deine Gesundheit“ Nr. 9 1980.

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