Orgasmusstängel

In dieser Serie widmen wir vermeintlichen und echten Meisterwerken Liebeserklärungen und Hasstiraden. Diesmal: Die Zigarette danach.

Von Tarek Barkouni

In dieser Zeitung wurde die Zigarette von einer Autorin einst als revolutionärer Akt gewürdigt, da sie gesellschaftlich immer mehr geächtet werden würde. Schon mit dem Anzünden eben jener Zigarette würde man ein Zeichen setzen.

An dieser Stelle soll die Zigarette als romantisierender Akt gewürdigt werden: Die Zigarette nach dem Sex. Ein Akt nach dem Akt quasi. Denn sie ist wie jede andere Zigarette eine aussterbende Art. Verbote, Fitnesswahn und die verleumderische Aussage man würde „dann ja so stinken“ sind keine guten Voraussetzungen für diesen so pittoresken Moment, wenn Sex in Normalität übergeht und eine Zigarette hilft die Zeit im Bett ein wenig zu verlängern, bevor die Brutalität des Alltags wieder zutritt. Notfalls schafft sie auch Distanz, in Form eines konzentrierten Einatmens, zwischen zwei Menschen, die besser nicht in diese Situation geraten wären. In den späten Achtzigern fragte ein Tabakunternehmen 400.000 Raucher über ihre Rauchgewohnheiten aus. Über die Hälfte gab zu, sich nach dem Sex sofort eine Zigarette zu gönnen.

Filmtechnisch ist die Zigarette nach dem Sex sowieso ein Highlight! Anne Bancroft als Mrs. Robinson sinkt mit der Zigarette in der Hand in die weißen Laken. Kurz zuvor hatte sie einen jungen Dustin Hoffman verführt und man fühlt mit, wie beide die aufregenden letzten Minuten an sich vorbeiziehen lassen. Wenigstens solange die Zigarette brennt. Und für ewig auf Papier gebannt, blickt Mia Wallace aus Pulp Fiction mit dunklen Augen von vielen WG-Wänden. In der Hand: Eine brennende Zigarette. James Bond beobachtete seine Liebschaften durch einen Rauchschleier – und eine Menge Brusthaar – beim Anziehen ihrer unverschämt teuren Kleider.

Gesundheitlich gesehen ist dieser Moment natürlich ein Alptraum, denn, wie die Warnungen auf der Verpackung sehr deutlich machen, ist Rauchen tödlich. Und verursacht Krebs. Und Herzinfarkte. Und in diesem Fall besonders brisant: Potenzprobleme. Also alles an sich schon furchtbar genug, doch inzwischen wischt das Bild einer zerfressenen Lunge vom Nachttisch auch noch jegliches sexuelle Gefühl schon vor dem Ausziehen dahin. Die Botschaft ist klar: Rauchen und Sex haben – das ist die doppelte Sünde, das Höllenfeuer droht.

Der Ursprung der filmischen „Zigarette danach“ war im Übrigen auch ein Akt der Revolution. Die Sittenwächter in den USA der 40er und 50er Jahre erlaubten keine Sex-Szenen und so ließ man Männer und Frauen gleichermaßen sexuell aufgeladen an den Glimmstängeln ziehen und wollten nur eins zeigen: Da hatten gerade zwei Menschen Sex! Die Sittenwächter waren zufrieden und die Zuschauer ausreichend informiert. Für die Tabak-Industrie war das beste Werbung. Bald glühten in vielen Schlafzimmern nachts zwei rote kleine Punkte und die Philip Morris International Inc. verdiente an jedem Mal mit.

Heutzutage erreicht der Griff an den Nachttisch keine Packung Zigaretten, sondern das Smartphone und es folgt der obligatorische Blick in das blaue Leuchten. Peng! Zurück in der Normalität. Keine Chance auf einen gediegenen Übergang, keine Entspannungsminuten mit leicht verträumtem Lächeln, kein schweigendes nachdenkliches Rauchwölkchen. Es raucht ja niemand mehr. Und wer doch, wird auf den schweinekalten Balkon verbannt und zu einer Dusche-nach-der-Zigarette-nach-dem-Sex gezwungen.

Dabei gab es kurze Hoffnung im Lager der Zigaretten-nach-dem-Sex-Raucher. Die Serie Mad Men, in der so hingebungsvoll geraucht wurde wie lange nicht, machte es vor: 50er Jahre Chic, natürlich auch 50er Jahre Sexismus, aber dieses wunderbare Bild mit der Zigarette im Bett nach vollzogenem Akt. Eine heute nur noch wenig gewürdigte Szene ist wieder auf dem Bildschirm zu sehen und schreit, mittlerweile in HD-Auflösung: „Macht mich nach!“ Vollkommen erfolglos, wie die Statistik zeigt. Die Anzahl der Raucher geht immer weiter zurück, Hotels sind sowieso schon lange rauchfrei und das Schlafzimmer ist weiterhin dem Ikea-Möbel-Geruch vorbehalten.

Und das alles trotz der zahlreichen Fürsprecher. Lieder wie – sehr einfallsreich – „Die Zigarette danach“ von Rosenstolz, die Band Cigarettes after Sex und außerdem dieser Text preisen die Zigarette als das, was sie ist: Ein Symbol des Verruchten, das einen zudem noch gut aussehen lässt.

Collage: Marleen Borgert

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