Biltong, Schlager & Nudisten

Drei Monate in Namibia, Redakteurin bei der einzigen deutschen Zeitung dort und zehn Wochenendausgaben, deren acht Seiten ich zu füllen hatte. Unter anderem mit diesen drei Geschichten.

Von Jessica Bürger

Sie tragen den Namen Mandel-Mix, Hot Chutney oder Chakalaka Fat and Juicy – Bernd Rusts Biltong-Produktionen. Biltong ist eine traditionelle Form des Trockenfleisches im südlichen Afrika, das in einer speziellen Luftfeuchtigkeit und Temperatur getrocknet wird und für die Namibier quasi das Hanuta um halb Zehn ist; eben ein Snack für Zwischendurch.
Bernd Rust stellt sein Biltong jedoch im deutschen Kempten im Allgäu her und verkauft es stattdessen nach Namibia zurück. Verschiedene Restaurants im südlichen Afrika geben mehrmals jährlich kleinere Bestellungen auf, die Rust dann exportiert – so paradox das auch klingen mag.

Dabei hatte Rust gar nicht geplant, in Deutschland Biltong herzustellen. Er wanderte 1980 von Namibia aus, um in Deutschland eine Kochlehre zu machen, arbeitete dann jedoch eine Zeit lang als Kaufhausdetektiv. Nebenbei begann er die hauseigene Biltong-Produktion aufzubauen. Anfangs waren es bloß kleine Mengen gewesen, gedacht für Familie und Freunde. Relativ schnell verbreitete sich jedoch die Nachricht, dass dort jemand im Allgäu namibisches Biltong herstellte und die Produktion wuchs stetig.

Und Rusts Biltong ist ein besonderes Biltong, nicht nur, weil es im Allgäu hergestellt wird. Das Fleisch selbst ist schon eine Besonderheit. Der gelernte Koch verarbeitet sowohl deutsches Fleisch wie Hirsch und Rind als auch exotisches Fleisch von einem Direktimporteur. Dieser bietet unter anderem Strauß, Kamel, Zebra, Krokodil, Känguru und Bison an – natürlich alles legal gejagt und nicht gewildert.

Das Beste am deutschen Biltong sind jedoch die Gewürze. Als Grundstock verwendet Rust Salz, Pfeffer, Essig und Koriander und mischt je nach Bedarf etwas Chili und Paprika darunter. Nach der Grundwürzung wird es ausgefallener. Schokolade mit Chili, Ananas mit Kokos oder, für die kühle Weihnachtszeit in Deutschland, Biltong mit Lebkuchen- oder Glühweingeschmack. Und für Kleinkinder, die gerade Zähne bekommen, gibt es Baby-Biltong.

„Mit Heino scheint die Sonne noch heller“

Etwa 12.000 Kilometer liegen zwischen Jena und Windhoek, doch selbst diese 12.000 Kilometer sind nicht genug, um dem deutschen Schlager zu entfliehen. Im Gegenteil. Seit 2014 findet in Namibia die so genannte Nacht des Deutschen Schlagers statt, deren Erlös an die Stiftung Fly & Help geht, die Kindern in Schwellenländern Zugang zu Bildung ermöglichen will.
Nach zweijähriger Pause kam dieses Jahr neben Patrick Lindner und Achim Petry auch Heino wieder nach Namibia. Heino fungiert als Botschafter für Fly & Help – einer der Gründe für ein Exklusiv-Interview mit ihm. Während er erzählte, warum er Namibia so sehr mag (wegen des Wetters) und wieso der Schlager immerzu eine große Fangemeinde haben wird (weil er schlichtweg Bestandteil der deutschen Kultur ist), betonte er eine Sache immer wieder: „Ich bin wo ich bin, wegen meiner Fans.“

Dass er das wirklich so meinte, zeigte sich in der VIP-Lounge bei der Deutschen Schlagernacht. Die Besucher des Konzerts sind überwiegend weiß, also entweder Deutsch-Namibier, weiße Afrikaanse oder deutsche Touristen, die extra wegen des Konzerts nach Namibia geflogen sind. Man merkt den Unterschied zwischen den Gruppen nur beim Feiern. Fünf Minuten nachdem das Konzert begonnen hatte, standen die Namibier singend und grölend auf den Tischen, während die Deutschen an ihrem Bier nippten und höchstens nach links und rechts schunkelten. Die wenigen Gäste mit einer VIP-Karte waren aber zumeist aus Deutschland und vor allem wegen Heino hier.

Zum Beispiel Christian Günther aus Passau, der für sein Idol und seine Frau sogar zwei selbstgeschriebene Gedichte mitgebracht hatte: „Seither sie gehen gemeinsam einen Weg und niemand kann sie irdisch trennen, weil zwischen ihnen der HEINOLORE-Steg besteht, aus Material, das wir die Liebe nennen.“ Oder die beiden afrikaansen Frauen aus Windhoek, die auf die Frage, wieso sie ihn so lieben, antworteten: „In Namibia scheint immer die Sonne, doch wenn Heino hier ist, scheint sie noch heller.“ Heino unterschrieb Bilder, Bücher und Karten, während er nebenbei HitRadio Namibia ein Interview gab, in die Kamera lächelte, Küsschen auf die Wange austauschte und Fanartikel wie sein singendes Parfüm oder den glitzernden Totenkopfring verteilte.
Deutsche Schlagerstars in Namibia geben ein Konzert vor 1400 Menschen, die nach fünf Minuten auf den Tischen standen und nicht mehr zu beruhigen waren – es war das Kurioseste, was ich in meinen drei Monaten in Namibia erlebt habe.

Ich bin nackt – Ich bin ich

Die Initiatorin des Aktmalereikurses in Windhoek, Julia Hango, trägt eine Sicherheitsnadel in der Augenbraue, Springerstiefel und hat hüftlange Kordeln in ihr Haar geflochten. Ursprünglich im Norden Namibias geboren, studierte sie in Windhoek Radioproduktion und arbeitet nun als Fotografin. Das lokale Warehouse Theater war die einzige Plattform, die ihr Raum für den Aktmalereikurs gab.

Denn das Thema Nacktheit ist in Namibia noch immer ein Tabu. Selbst innerhalb der Familien oder zwischen Freunden wird nicht offen darüber gesprochen und würde es Werbebanner in Namibia geben, wären sie sicher nicht mit Unterwäschemodels beklebt. Woher nahm Hango also die Inspiration für ihren Kurs? „Das Zeichnen des menschlichen Körpers wurde an den Unis in Namibia verboten, nachdem eines der Models während des Seminars angeblich eine Erektion bekam“, erklärt die Künstlerin. Doch in ihren Augen war es wichtig, dass die Menschen „durch die Aktmalerei ein Bewusstsein für ihren eigenen Körper und Selbstachtung entwickeln“.

Sie selbst spürt die Unsicherheit ihrer Teilnehmer meist kurz vor dem nächsten Treffen: „Ich bekomme oft Anrufe kurz vor der Malstunde, in denen sich die Besucher entschuldigen, weil sie noch nicht bereit für den Kurs sind.“ Dabei ist es ihr besonders wichtig den Menschen klar zu machen, dass Aktmalerei nichts mit Erotik zu tun hat. Laut Duden bedeutet „Akt“ nichts anderes als die „Darstellung nackter, menschlicher Körper“.

„Mein Kurs ist an kein spezielles Schönheitsideal gebunden“, betont sie daher immer wieder. „Wir verstecken uns hinter unserer Kleidung. Dabei sind wir darunter alle gleich.“ Jeder könne ihr Model werden, egal wie alt, egal woher derjenige kommt, egal welche Sexualität er hat.
Das zeigt sich auch bei den Teilnehmern. Die gut 18 Frauen und Männer, die im Stuhlkreis um die Nacktmodels herum sitzen, sind weiß, farbig und schwarz, zwischen 20 und 75 Jahre alt und malen mal mit schnellen, ausholenden oder mal mit eher zögerlichen Bewegungen. Es sind ganz normale Leute, Mütter und Väter, Nachbarn, Freunde, eine Lehrerin ist darunter sowie ein Kapitän, der gerade auf der Durchreise ist.

Um ihre Ansicht zu verteidigen, bietet Hango jedoch nicht nur Aktmalereikurse an, sondern schießt auch provokative Bilder. Unter dem Motto „Binden und Schnüren“ hat sie nackte Frauenkörper mit Seilen zusammengeschnürt. Und ihre Ausstellung NatureOrgasm versucht Spiritualität und Sexualität miteinander zu verbinden. Ignoranz, Ablehnung und Ekel gegenüber ihrer Arbeit, die sie zum Beispiel von Seiten ihrer Eltern erfahren hat, animieren sie nur zum Weitermachen.

Daher nennt Hango ihre Kunst auch „positiv-provokativ“, sie soll die Menschen in Namibia aufrütteln und die sie daran erinnern, dass „wir alle gleich gemacht sind und auf diese Weise geboren wurden“.

Foto Biltong: Bernd Rust 
Foto Body Positive Namibia: Julia Hango 
Foto Heino: Wiebke Schmidt

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