Nicht einfacher und fluffiger

Satiriker, Journalist und dann Pressesprecher: André Kudernatsch war drei Monate lang der Stadtsprecher Jenas. Mit uns sprach er über Witz in der Politik und Thüringer Eigenarten.

Das Interview führte Marleen Borgert

 

Sie wohnen in Erfurt, wieso nicht in Jena?
Jena ist tatsächlich ganz schön teuer, wenn man Wohnungen sucht; egal ob zum Studium oder mit der Familie. Das ist schon ein Problem. Meine Frau arbeitet in Erfurt und wir haben da eine schöne Wohnung. Es wäre schwierig, etwas Bezahlbares in Jena zu finden. Und in Erfurt ist es so schön ruhig!

Was stört Sie an Jena?
Es ist schon ein bisschen für sich. Alle sind sehr vernetzt und man kennt sich. Von draußen muss man da erst einmal mit reinkommen in so eine Clique. In meinem Fall war das zum Glück kein Problem. Aber es könnte schwer sein, Anschluss zu finden. Manchmal schmort Jena schon ein bisschen im eigenen Saft.

Was halten Sie für ihre schwierigste Aufgabe?
Wenn man die Stadt als Sprecher vertritt, muss man die Sachverhalte immer in dieser Rolle darstellen. Eigentlich kann man privat aber manchmal auch gut nachvollziehen, wenn Menschen mit einer Entscheidung, egal ob es ein Bauvorhaben oder vielleicht ein soziales Projekt betrifft, hadern.

Vor allem muss man es dann positiv darstellen.
Ja, doch in den meisten Fällen ist es einfach so, dass einfach kein Geld zur Aufrechterhaltung oder Durchsetzung bestimmter Sachen mehr da ist. Das ist wirklich keine Absicht, das ist ein finanzieller Druck.

Sie sind Satiriker. Wäre es für Politik generell wichtig, mehr Show zu machen?
Nein, das glaube ich nicht. Es ist wichtig, Dinge sachlich darzustellen. Gerade haben wir das Problem, dass sehr viel von Populisten brutal vereinfacht wird. Bei vielen Sachverhalten geht das aber nicht. Man kann sie nicht einfacher und fluffiger darstellen. Viele Sachen sind dann doch zu komplex.

Was würden Sie als Umgang vorschlagen?
Man muss versuchen, alles möglichst richtig darzustellen und das in kleinen Portionen darbieten. Man sollte neutral berichten und keine Späßchen machen.

Wie wollen Sie Fakten schaffen?
Es muss Transparenz geben. Es reicht nicht, nur zu behaupten, diese zu haben, sondern sie muss wirklich hergestellt werden. Für die Stadt haben wir jetzt beispielsweise Open Data. Das finde ich sehr gut. Man kann wirklich sagen: „Leute, da ist alles drin: Bebauungspläne und alles andere.“

Also keinen Humor in der Politik?
Eher nur wohldosiert. Wir haben hier einen tollen Oberbürgermeister, der kein steifer und verknöcherter Politiker ist, sondern einer, der sehr gut formulieren kann und grundfröhlich und optimistisch ist.

Sind Sie eigentlich froh, die Eichplatz-Debatte nicht mehr mitbekommen zu haben?
Von meinen Kollegen habe ich dazu viel gehört. Das ist wirklich schrecklich, wenn sich das über Jahre hinzieht und nichts passiert. Und es dauert immer noch. Der Oberbürgermeister hat den ersten Spatenstich so in fünf Jahren angesetzt. Aber auch das ist ja noch ziemlich weit hin.

Was bedeutet Jena für Thüringen?
(Lacht.) Wenn man mal 30 Jahre weiterdenkt, ist Erfurt der Garten, in dem alle gerne wohnen und sich erholen –
die perfekte Schlafstadt. Weimar ist das große Freilichtmuseum, in dem man Schiller und Goethe, also Kultur tankt. Und Jena wäre dann der Ort der Wirtschaft und der Wissenschaft, also der Ort, an dem etwas entsteht. Die jungen Leute sind in Jena, die Älteren in Erfurt und die ganz alten in Weimar. Der Rest von Thüringen verwildert –
den erobert sich der Wolf zurück.

Sie sind Wahl-Thüringer. Wenn Sie einen typischen Thüringer beschreiben müssten, wie sähe der aus?
Der Thüringer ist ein totaler Muffelkopf. Der spricht erst einmal überhaupt nicht mir dir. Das erste Kennenlernen ist eine Katastrophe. Wenn du freundlich „Hallo“ sagst, dann kommt nichts als Antwort. Du denkst, das ist der totale Vollpfosten oder der kann dich nicht leiden, der hat was gegen dich. Aber der ist einfach so. Er muss erst auftauen. Der Kern des Thüringers ist dann so innerhalb von einem halben Jahr plötzlich dein allerbester Kumpel und tut echt alles für dich.

Ein halbes Jahr? Das geht bei Ihnen ja schnell!
Ja, das war schon sehr sportlich eingeschätzt, also eher ein ganzes Jahr würde ich sagen. Dann ist er aber voll da für dich – dann hilft der, Dübel in die Wand zu jagen oder tröstet dich bei Liebeskummer. Und er ist natürlich ein Fleischesser, der Thüringer, also der wirft echt alles auf den Grill, was irgendwie geht, solange es kein Gemüse ist. Also der Thüringer ist ein Muffelkopf und ein Fleischesser.

Foto: Stadt Jena/Kristian Philler

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