Ethik am Fließband

Testet dieses human experiment wirklich Dein Duschverhalten? Braucht der Studienleiter wirklich den ganzen Liter Blut, der Dir abgezapft wurde? Keine Sorge. Experimente an der Uni und EAH, die Eingriffe am Menschen beinhalten, werden zuvor von der Ethik-Kommission auf ihr Risiko hin überprüft. Ein Gespräch mit PD Dr. Jenny Rosendahl, Mitglied der Ethik-Kommission.

Das Interview führte Rebecca Lukasch

 

Sind Sie „Kämpfer für Forschung“ oder „Wächter über Moral“?
Uns ist daran gelegen, dass Studien die Anforderungen der Guten Klinischen Praxis und die gesetzlichen Vorgaben erfüllen und wenn sie das nicht tun, sie mit Auflagen dahin zu bringen. Das bedeutet nicht, ein Auge zuzudrücken und zu sagen: „Das wird schon irgendwie gehen“, sondern: „An den Punkten muss noch etwas verändert werden.“ Wir behandeln Studien, bei denen es um Menschen geht, hauptsächlich medizinische. Wird kein etabliertes Verfahren genutzt, muss es vor die Kommission.

Werden viele Anträge abgelehnt?
Die Studienleiter haben schon einen ethischen Blick darauf. In meinen drei Jahren bei der Kommission habe ich noch keinen Fall erlebt, in dem ein Antrag ganz abgelehnt wurde. Es gibt mittlerweile gut formulierte Anforderungen. Die ethischen Richtlinien sollte jeder Studienleiter kennen und die Studie von Anfang an entsprechend konzipieren. Ganz kritische Studien werden meist gar nicht erst eingereicht. Man muss ja auch überlegen, ob man überhaupt Probanden finden kann.

Wie läuft eine Sitzung ab?
Das variiert sehr stark. Eine Studie kann 5 Minuten, aber auch mal eine ganze Stunde lang besprochen werden. Für jeden Fall wird ein Kommissionsmitglied als sogenannter Opponent festgelegt. Einsicht in die Studienunterlagen haben wir zwar alle, aber derjenige sieht sich den Antrag besonders genau an. Nachdem der Studienleiter dann seine Studie vorgestellt hat, stellt der Opponent ganz gezielte Fragen. Dabei werden die kritischen oder unverständlichen Bestandteile der Studie offengelegt und besprochen. Im Anschluss kommt es zu einer Diskussion; hier können alle Mitglieder Anmerkungen machen.

Wie arbeiten die Mitglieder der Kommission zusammen?
Wir verstehen uns als interdisziplinäres Team gut. Wir lernen viel voneinander. Das geht über den Austausch beispielsweise auf einer Weiterbildung hinaus. Meine Motivation ist vor allem, die Forschung im Klinikum besser kennen zu lernen. Alle Anträge müssen ja durch die Ethik-Kommission. Wir werden nicht entlohnt für unsere Arbeit. Das ist Enthusiasmus und Engagement, um gute Forschung in Jena voranzutreiben. Während der Diskussion selbst herrscht aber eine sehr ernsthafte Atmosphäre, unsere Entscheidungen haben schließlich große Auswirkungen auf einzelne Menschen.

Das System verhindert größtenteils problematische Studien. Gibt es dennoch Meinungsverschiedenheiten?
Das ist insgesamt sehr ausgewogen. Klar gibt es mal Differenzen, aber die werden sauber diskutiert. Es geht um eine Anwendung der Kriterien, wie Gute Klinische Praxis auszusehen hat. Es ist eher ein Miteinander im Sinne der Sache. Nicht mit aller Gewalt alle Fälle durchzukriegen, aber schon ein Vetorecht zu haben. Als Kontrollinstanz arbeiten wir im Interesse der Probanden sowie zum Schutz der Wissenschaftler.

Halten Sie sich eher an Gesetze oder Ihren Menschenverstand?
Es gibt natürlich Gesetze, aber auch viele Richtlinien. Die Bandbreite der Interpretationsmöglichkeiten lässt viel Spielraum zu, das ist nicht immer einfach auszulegen. Neben einem gesunden Menschenverstand ist aber auch fachliches Wissen ganz entscheidend. Man muss erkennen können, ob Studien ihre Forschungsfrage beantworten können. Wenn das nämlich nicht der Fall ist, dann brauchen wir die Studie nicht zu machen. Dann müssen wir nicht 100 Probanden mit einer Blutabnahme belasten.

Muss man manchmal gegen seine eigene Meinung stimmen?
Wir diskutieren einen Fall immer so weit, dass wir am Ende zu einem Konsens kommen. Dass man damit nicht glücklich ist, sollte nicht vorkommen, weil man seine Bedenken vorher hätte äußern können, um diese als Auflagen in die Studie miteinzubeziehen. Letztendlich ist es natürlich eine Mehrheitsentscheidung, aber niemand sollte mit starken Bedenken zurückgelassen werden. Dann ist die Anhörung nicht erfolgreich gewesen oder das Bedenken nicht gut artikuliert worden.

Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Eine anthropologische Studie war damals sehr interessant. Das Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte Jena wollte Stämme einer Inselgruppe bei Australien untersuchen. Forscher haben deren verschiedene Sprachen untersucht, um Rückschlüsse darüber zu erhalten, wie die Inseln besiedelt worden sind.  Die Studie ist bei uns gelandet, weil auch genetische Untersuchungen der Völker stattfinden sollten. Das fand ich ganz spannend, weil das Thema mal abseits jeglicher Wirksamkeitsprüfungen von irgendwelchen Medikamenten war.

 

Foto: Privat

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