Kekse wie Zement

Ein Farbikverkauf eines Gebäckherstellers klingt wie das Schlaraffenland, das seit der Kindheit nie so ganz aus den eigenen Phantasien herausgefunden hat. In Wahrheit ist dieses mehr Baumarkt als Schokoladenfabrik.

Von Marleen Borgert

Ein Keks-Fabrikverkauf nur zwanzig Minuten von Jena entfernt? Visionen eines eigenen Universums, die Wände behangen mit Gummischlangen, die Sessel aus Marzipan und ein Schoko-Fluss quer durch die Szenerie, erobern die Hoheit über die Gedanken. Wie Charlie einst in der Schokoladenfabrik könnte man Umpalumpas treffen und in Schokolade mehr sehen als nur ein Nahrungsmittel: ein cremiges Geschenk.

Das Keksoutlet in Kahla hat nichts mit dieser Kinderphantasie gemein. Schon der Parkplatz ist das Gegenteil dieser paradiesischen Vorstellung. Die quadratmetergroßen Betonwüste mitten in grüner Landschaft ist mit dreckigen Familieautos beparkt. Fahrradständer sind vorhanden, aber leer. Von außen wirkt das Outlet wie ein Baumarkt: Männer spazieren ihren Bauch vor sich her tragend mit 1 Euro Stücken zu den extra tiefgelegten Einkaufwägen; Körbe gibt es keine, denn hier wird Kiloweise gekauft. Wie im Baumarkt Zement. Nur dass der Einkauf nicht den Vordergarten schmücken soll, sondern den Beistelltisch zum Tatort gucken.

Eine Frau kommt uns aus dem Geschäft heraus entgegen. „Kippen hatten se’ auch nicht!“, beschwert sie sich bei ihrem vermeintlichen Gatten. Kippen hatten sie nicht? In einem Keks-Werkverkauf? Wir sind erschüttert, geben dem Laden trotzdem eine Chance. Uns begrüßt ein kunterbunt bemaltes Plakat: „Bei uns finden sie ein Plätzchen“, Werbung für eine Ausbildung beim Kekshersteller des Vertrauens. An jeder Wand hängen aus den Jahren gekommene Bilder von Gebäck, die widerspiegeln, wie lange man als Keks-Werksverkauf ohne Marketing auskommen kann.

Die Kunden wirken wie Desorientierte im Baumarkt. Einfach alles in den Korb schmeißen, bevor man etwas vergisst und nochmal wiederkommen muss. Im Baumarkt gibt es inzwischen auch alles, kein Wunder, dass man da bei einem Keksoutlet mit erhöhter Erwartungshaltung anfährt und vergebens nach Zigaretten sucht.

Philosophische Fragen

Anstatt von Nikotin prangen den Kunden von allen Seiten vielversprechende Bezeichungen für vergünstigtes Gebäck entgegen: XXL-Packungen, Sonderangebote, 2.Wahl, Bruchware. Eine gigantische Keksrolle ist unübersehbar in einem Regal platziert: 3.600 g Kekse von deren Packung ein sympathischer Prinz grinst. Empört, dass die Kekse nicht so groß sind, wie es uns die Verpackung weißmachen will, denn diese enthält lediglich einzelne kleine 400 Gramm-Packungen, berechne ich mein eigenes Gewicht in Prinzenrolle. In dieser Hinsicht, aber auch zahlenmäßig fühle ich mich den Keksen unterlegen und wende mich schnell dem Fruchtgummi Sortiment zu. Dieser Laden wirft mehr Fragen auf als jede vergleichbar hobbymäßig betriebene Philosophie: Kann elastisches Essen überhaupt Bruchware sein?

Die anderen Kunden scheinen sich nicht um solch essentiell philosophischen Fragen zu sorgen, zumindest lassen die belauschten Gespräche Rückschlüsse zu. Ein Paar, das gerade Kekse probiert, tauscht sich aus und taucht dabei tief in die Thematik ein: -„Schmecken sehr gut!“ „Die schmecken noch besser.“ „Die mit Schokolade mag ich nicht so.“ – Während des Sprechens fallen ihnen Krümel aus dem Mund. Ein anderer Mann schreit durch den ganzen Laden, wie um sich selber davon zu überzeugen: „So, jetzt reichts.“, nachdem er weitere Kekstüten in seinen Einkaufswagen befördert hat und mit gierigem Blick die nächsten Kekse untersucht.

Jede Hand ein Keks

Einige Regale und  gefühlt eine ganze probierte Kekspackung später wird sich hilfesuchend zum Wasserspender gehievt, der den unangenehmen Geschmack der Völlerei herausspülen soll. Neben dem Mineralwasser bildet auch eine gigantische Packung Tee einen Ruhepol. Harmonie für Körper und Seele in 180 Beuteln für 24,50 Euro. Er sticht neben den massiven Packungen des restlichen Angebots heraus und allein darüber nachzudenken, dass man zukünftig auch noch etwas anderes zu sich nehmen könnte als nur in Form gegossenen Zucker, lässt den kaufrausch­gepeitschten Herzschlag abflachen.

Selbst wenn während des Einkaufs mehrere normale Packungen an Keksen verschlungen werden, ist das nichts gegen die Unmengen, die dauerhaft auf das Fließband der Kasse geworfen werden. Wenn die Kassen mal nicht gerade mit mehreren Kilo Zucker beladen werden, finden die beiden Kassiererinnen Zeit, die entleerten Auslagen vor den sabbernden Mündern der Kunden wieder aufzufüllen.

Alle tun, als wäre dies ein normaler Supermarkt – mit Kippen – und als würde nicht jedes Piepen der Kasse für einen weiteren 800g Schokoladenbeutel stehen, mit dem ein neuer Diabetiker das Licht der Welt erblickt. Als käme das Ganze einem Baumarkt nicht viel näher.

Vollgestopft, den Hunger auf teigige Klumpen – vermutlich – für den nächsten Monat gestillt, verlassen wir das Keksoutlet. Es war kein Süßkram-Wunderland, wie es uns unsere goldigen Kinderaugen vorgeschwärmt haben. Der Fabrikverkauf in Kahla endete wie er anfing: mit einer Vision von einem Baumarkt, als uns noch beim Herausgehen ganze Familien entgegenkommen, als dürfte jeder seine Innenausstattung für das neue Zimmer aussuchen. Auf dem Parkplatz wird versucht, die Massen an Keksen neben die Kindersitze zu quetschen, wie ein Sofa, dessen Größe man natürlich unterschätzt hat.

Foto: Facebook, Cookie Monster

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