Der Januskopf

Thügida-Chef David Köckert ist innerhalb von drei Jahren zum wichtigsten Rechtsextremisten Thüringens aufgestiegen. Unser Autor stand mit ihm in regem Kontakt. Er hat einen widersprüchlichen, nicht unsympathischen Menschen kennengerlernt, für den es keine Tabus gibt. Köckert will Aufmerksamkeit um jeden Preis und trotzdem akzeptiert werden.

Von Christoph Renner

Sein Whatsapp-Profilbild zeigt seinen Hinterkopf, die kahle Kopfhaut tätowiert. David Köckert blickt auf die Lautsprecher auf dem Dach des umgebauten Imbisswagens, mit dem er als Organisator der Thügida-Bewegung durch die Städte des Freistaats tourt. Thügida ist der rechtsextreme Ableger des Dresdner Originals. Auch in Jena demonstrierten sie in diesem Jahr schon, zum Geburtstag Adolf Hitlers und zum Todestag von Rudolf Hess. Am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, will Köckert mit seinen Leuten wiederkommen.


Öffentlich politisch aktiv ist Köckert erst seit drei Jahren. Er war erst ein halbes Jahr Mitglied der AfD, dort befand man seine Reden für zu radikal. Im Februar 2014 trat er dann in die NPD ein, wohl um einem Rauswurf in der AfD zuvorzukommen, und zog wenig später mit 6,6 Prozent der Stimmen bei den Kommunalwahlen in den Greizer Stadtrat ein. Im März 2015 organisierte er die erste Thügida-Demo, knapp 85 Mitglieder zählt die Organisation mittlerweile, die offiziell als Verein eingetragen ist. Auf Seiten der Thügida demonstrierten 2015 in Gera und Altenburg zwischen 2.000 und 3.000 Menschen. Als Köckert im August dieses Jahres das letzte Mal nach Jena kam, folgten ihm nur knapp 200 Teilnehmer. Trotzdem ist er innerhalb von nur drei Jahren politischer Tätigkeit zum wichtigsten Rechtsextremisten Thüringens geworden.
Auf seinen Kundgebungen hetzt er gegen Flüchtlinge, die Presse, die Politik, das „System“, „Gesindel“, „Sozialschmarotzer“. Telefoniert man mit ihm, ist er höflich und entschuldigt sich für den Abbruch des ersten Anrufs, weil er gerade durch das „Tal der Ahnungslosen“ gefahren sei und erzählt, dass er Sonntagabend mit seinen Kindern ins Kino gehen wird. Wer ihn anruft, muss mit einer Kinderstimme im Hintergrund rechnen. Er klingt wie ein freundlicher Mitarbeiter der Sparkasse.
Köckert verachtet die politische Ordnung dieses Landes, die Bundesrepublik ist für ihn ein „Konstrukt, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt.“ Gern beruft er sich nach verbalen Entgleisungen auf das Recht der freien Rede in einem Rechtsstaat.
Die Stellen des Gesprächs, an denen Köckert belustigt klingt, sind gerade die, an denen man ihn zu seinem Welt- und Geschichtsbild befragt: Wenn Sie jemand als Nazi bezeichnet, was entgegnen Sie ihm? „Dass Nazis, die heute noch leben, 90 Jahre oder älter sind.“ Wie stehen Sie zum Nationalsozialismus? „Ich habe in der Zeit nicht gelebt, also kann ich mich dazu nicht äußern.“ Glauben Sie, dass es den Holocaust gab? „Glauben Sie an Außerirdische?“ Kurze Pause, dann: „Das Thema ist heute nicht mehr aktuell.“
Als die Thügida am 17. August das letzte Mal in Jena demonstrierte, beschimpfte er die Gegendemonstranten mit kratziger Stimme lauthals als „Antidemokraten“ und „Linksfaschisten“. Er macht sich einen Spaß daraus, seinen Gegnern das vorzuwerfen, wofür er selbst steht. Wenn tausend Menschen „Nazis raus“ brüllen, kommt Köckert am Mikrophon erst richtig in Fahrt.

Sonntagabend geht er mit seinen Kindern ins Kino.

Die Bewohner des Damenviertels hatten anlässlich von Köckerts Demonstrationszug durch ihren Kiez eine Kreideaktion organisiert; auf der gesamten Route der Demonstration war der Asphalt mit Kreidesprüchen bemalt – für Vielfalt und Toleranz. Köckert meint, er blende das aus, da stehe er drüber. Einige Tage später wandte sich Christian Franke, der die Kreideaktion gegen die Thügida Demonstration am 17. August organisiert hatte,  auf Facebook in einem offenen Brief an Köckert, in welchem er fiktiv dessen Biographie nach der Wiedervereinigung erzählt: „Anfang der 90er. Alles ist ganz anders plötzlich. Arbeitslosigkeit greift um sich! Und irgendjemand muss ja die Schuld haben. Ein Bier mehr sorgt für den Mut, dass man das erste Mal die rechte Hand zum Gruß heben kann.“
Köckert wäre nicht Köckert, wenn er darauf nicht noch am selben Tag per Video-Botschaft geantwortet hätte. Er steht vor einer giftgrünen Wand, darauf Plakate mit rosa Blüten und Birkenwald. Er trägt ein kurzärmliges Hawaii-Hemd, man sieht seine tätowierten Unterarme. Im Hintergrund ist eine Kinderstimme zu hören. Das soll also der böse Köckert aus dem Brief sein, ist die Nachricht. In der einen Hand hält er ein großes Stück Kreide, die andere hat er spöttisch an die Hüfte gestützt: „Lieber Christian, da erfahr ich doch heut aus der Presse, dass du mir einen Liebesbrief geschrieben hast, und zwar unter dem Motto: Kreide gegen Dummheit! Da habe ich mir gedacht, du lässt dem Christian mal eine Nachricht zukommen.“ Er schreibt auf eine braune Tafel: „Lieber Christian, am 09.11.2016 sehen wir uns in Jena. Die Thügida.“
Seit Mitte der 90er Jahre ist Köckert in der rechtsextremen Szene aktiv, mit Kontakten aus dem Umfeld von „Blood and Honour“, einem mittlerweile verbotenen Neonazi-Netzwerk. Seine Finger sind jeweils mit Zahlen tätowiert: auf der einen Seite mit der Zahlenfolge 2004, auf der anderen mit 1889 – der 20. April 1889 ist der Geburtstag Adolf Hitlers. Wird er zu den Tattoos auf seinen Fingern befragt, erklärt er sie mit dem Geburtsjahr seines Sohnes sowie mit dem eines männlichen Vorfahren.
Köckerts Herkunft wird bei seinen Auftritten deutlich, weil er mit seinem ostthüringer Dialekt bei vielen Worten ein „ne“ an den Schluss hängt. Er, der auf Marktplätzen und Straßen gegen das „Kommunistenpack“ wettert, sagt selbst von sich: „Ich bin ein Kind des Sozialismus.“ Er erinnert sich noch an seine Zeit als Jungpionier, mit Stolz habe er damals das blaue Halstuch getragen. Zur Wende war er elf Jahre alt. Wenn er völkische Zitate aus der Vergangenheit für seine Reden entlehnt, sind das weniger welche von Nazigrößen als von Ernst Thälmann und Friedrich Engels.
Er wolle mit der Thügida eine Volksgemeinschaft zum Wachsen bringen. Auf den Hinweis, dass es sich dabei um einen historisch kontaminierten Begriff handelt, entgegnet er, dass doch  in der DDR auch eine Gemeinschaft zusammengewachsen sei. Als Kind, zu DDR-Zeiten, habe er sich geborgen gefühlt. Nach der Wiedervereinigung habe sich das verändert; der Staat tue heute nichts mehr für die Bürger, und nichts, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken: „In der DDR war noch der Eine für den Anderen da.“
Neuerdings lässt Köckert bei Demonstrationen laute Muezzin-Rufe spielen. Von der Thügida gepostete Videos zeigen geisterhafte Prozessionen solcher Aktionen aus Orten, in denen es kaum Ausländer gibt: blitzblanke leere Bürgersteige, gesäumt von Fachwerkhäusern, die ohne die Wiedervereinigung heute wohl verfallen wären.
Köckert will eine homogene Volksgemeinschaft, doch er selbst fühlt sich als Ost-, nicht als Gesamtdeutscher. Im Westen Deutschlands gebe es gar keine patriotische Basis. Die 68er und ihre Ideologie prägten im Westen das Bild, und man habe schon früh die ganzen Gastarbeiter ins Land geholt.
Köckert kokettiert mit seinem Äußeren: „Dass ich keine Haare mehr habe, hat einen natürlichen Grund.“ Er mag es, Stereotype zu bedienen – Glatze, tätowiert, etwas korpulent. Dumm müsste er sein, und das Klischeebild des Nazis der 90er Jahre wäre komplett. Doch dumm ist er nicht, und dessen ist er sich bewusst.

Köckerts Engagement ist Ausdruck der Unfähigkeit der NPD, sich den gesellschaftlichen Rechtsruck zunutze zu machen.

Thügida arbeitet offiziell nicht mit der NPD zusammen; Köckert hält die Führungsriege der NPD für unfähig. „Die haben einfach immer auf denselben Wählerstamm gehofft, haben gedacht, sie könnten dieselbe Schiene immer weiter fahren.“ Trotzdem ist er noch Parteimitglied. „Weil die Basis nach wie vor gut ist.“ Trotzdem drohe die NPD in der Bedeutungslosigkeit zu versinken, „weil dort Leute Posten ergattert haben, die in der freien Wirtschaft untergegangen wären.“ Das sagt der Inhaber einer Baufirma, die gerade insolvent gegangen ist. Der wenige Minuten zuvor, als er über die DDR sprach, geklagt hatte, man lebe heute in einer Leistungsgesellschaft, in der man schnell „hinten runter“ falle.
Köckerts Engagement und der seiner Thügida ist sowohl Ausdruck eines gesellschaftlichen Rechtsrucks als auch der Unfähigkeit der NPD, sich diesen zunutze zu machen. Er will eine breitere rechtsextreme Basis ansprechen, als es der NPD in den letzten Jahren gelungen ist. „Es ist alles viel einfacher, wenn die Leute nicht das Logo der Partei mit den drei Buchstaben sehen.“ Dieses sei zu negativ besetzt, durch vielerlei persönliche Entgleisungen ihres Führungspersonals. Köckert, der neben seiner politischen Tätigkeit mittlerweile ein „Dienstleistungsunternehmen“ betreibt, spricht von politischen Inhalten wie von Waren, die es an den Mann zu bringen gilt. Den Erfolg der AfD im Vergleich zu seiner eigenen Partei erkennt er an: „Die AfD hat es verstanden, ein beschissenes Produkt intelligent zu verkaufen.“
Es frustriert ihn dennoch, wenn andere den politischen Erfolg verbuchen, von dem er denkt, dass er ihm zusteht. „Wo war diese Frau vor der Asylflut“, fragt er über Wiebke Muhsal, die Jenaer Kreistagsabgeordnete der AfD im Thüringer Landtag. Trotzdem versucht er Anschluss zu finden und betont, dass man mit vielen AfD-lern und Leuten von der Patriotischen Plattform zusammenarbeite. Auch einige Spender, Unternehmer aus der Mittelschicht, die ihren Namen lieber nicht in der Öffentlichkeit sehen wollten, habe er gewinnen können.
Wenn es nicht um Ausländer geht, klingt Köckert wie ein Linker. Der soziale Faktor, der Mensch, er komme in dieser Gesellschaft zu kurz. Auf der Facebook-Seite der Thügida wird die Aktion „Wir packen an, ein Volk hilft sich selbst“, angepriesen, die Losung ist mit Herzchen versehen. Über 400 Sachspenden seien bereits an bedürftige Deutsche verteilt worden. Auf einem Bild gibt Köckert einem kleinen Schulmädchen väterlich die Hand. Wenige Tage nach dem Post wird Köckert in Schmölln, wo sich kurz zuvor ein somalischer Flüchtling aus dem Fenster des Asylbewerberheims gestürzt hatte, gegen die „Invasoren“ und die „Schweinepresse“ hetzen.
Am 20. April hat die Thügida einen Sarg durch Jena getragen, mit der Aufschrift „Antifa“, darauf prangte ein weißes Kreuz, auf dem „BRD“ stand. „Auf Provokationen solcher Art ist früher nur die Antifa gekommen“, sagt Köckert stolz. Für ihn ist es jetzt Zeit, „den ganzen verstaubten Müll“ in diesem Land loszuwerden. „Fragen Sie heute mal einen Jugendlichen, was die deutschen Ostgebiete sind. Über so etwas kann man gar nicht mehr offen diskutieren.“
In seinen Reden spricht er immer wieder von seinen vier Kindern, sein Whatsapp-Status ist „Ehemann“. Was er tun würde, wenn eines seiner Kinder sich mit einem Flüchtlingskind anfreunden würde. Köckert denkt gleich weiter: „Wie weit geht Freundschaft? Eine Liebesbeziehung eines meiner Kinder mit einem ausländischen Kind würde ich nicht gutheißen.“ Man solle mal einem erzkonservativen Türken umgekehrt dieselbe Frage stellen.
Ein Video zeigt ihn bei einer Kundgebung in Eisenach. Ein Mikrofon in der Hand, steht der vierfache Familienvater neben seinem Wagen auf dem Marktplatz. Passanten machen einen Bogen. Polizeiwagen stehen in der Nähe, für ihn allein. „Überfremdung stoppen“, prangt auf einem schwarz-rot-goldenen Banner, das an seinem umfunktionierten Imbisswagen angebracht ist. Ein Lied der Kastelruther Spatzen dröhnt aus den Lautsprechern: „Aber wenn für uns nichts mehr so ist wie bisher, dann geh doch.“

Foto: Bernadette Mittermeier

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